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Karneval der Empörten

In Magdeburg wurde anlässlich einer Nazi-Demo und der Proteste dagegen vollends ununterscheidbar, wer auf welcher Seite steht.


VON TJARK KUNSTREICH UND JOEL NABER


Die Häftlingsuniformen reichten nicht, auch die Gesichter hatten sie sich grau angemalt, um die Wohlstandsrosigkeit zu kaschieren: Eine Gruppe von Demonstranten, die gegen den Nazi-Aufmarsch in Magdeburg am 14. Januar protestieren wollten, hatte sich da etwas ganz Besonderes ausgedacht. Allerdings waren sie nicht barfuß unterwegs oder in Holzschuhen; so sieht man auf dem Foto oben die Markenschuhe, die Authentizität hat schließlich ihre Wettergrenzen. Wer nun vermutet, dass es sich hier um besonders radikale Gegner handelte, die zu jeder Form der Verhinderung eines Aufmarsches der Nazis bereit gewesen wären, hat weit gefehlt. Nicht nur, dass man sich schlicht auf die Straße legte, um sich wegtragen zu lassen. Um den Anschein allzu großer Identifikation mit den Opfern des Nationalsozialismus gar nicht erst aufkommen zu lassen, legten diese Leute eine Erklärung in Form eines Transparents vor, auf dem stand: »FÜR DAS ERINNERN – Wir trauern um jeden Menschen, den wir an den Faschismus verlieren«.

Erinnern an was? Und wer ist das »Wir«, das Menschen an den Faschismus verliert? Die Selbstverständlichkeit, mit der man sich an die Stelle der Opfer setzt und die schon für sich genommen pervers ist, setzt sich reibungslos fort in der Nonchalance, mit der im selben Moment die Opfer des Nationalsozialismus durch die Nazis ersetzt werden, »die wir an den Faschismus verlieren«. Was suggeriert das anderes als: Wir könnten uns doch, im ERINNERN, so gut verstehen! Diese Ergänzung des Nazi-Gedenkens an die Bombardierung Magdeburgs steht in der schlechten Tradition des DDR-Antifaschismus, der schon immer die Opfer der Vernichtung vereinnahmte und damit zugleich zum Verschwinden brachte – doch es geht noch eine Stufe weiter: Das kämpferische Moment der Kommunisten ist der Identifikation mit der den Opfern zugedachten Passivität gewichen, die als Unschuld imaginiert wird.

Ehemalige KZ-Häftlinge haben zu verschiedenen Gelegenheiten ihre Uniformen wieder angezogen – manchmal auch solche Überlebende, die nicht im KZ waren –, um beispielsweise gegen Berufsverbote zu protestieren oder für die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter zu demonstrieren. Schon das war fragwürdig, aber es war die Sache der Überlebenden. Allerdings war ihr Erscheinen vor dem Majdanek-Prozess oder anlässlich von IG-Farben-Aktionärsversammlungen Ausdruck ihres Interesses und ihrer Anliegen – gegen eine Gesellschaft, die die Tatsache, dass sie diese Uniformen einst trugen, verleugnete. Mit dem Tod der Überlebenden hat sich diese Form des moralischen Appells gegen das Vergessen erledigt. Nicht erledigt hat sich dagegen offenbar die Attraktivität des Opferstatus – die obszöne Verkleidung bringt schlafwandlerisch die neueuropäische Moral der Empörten zum Ausdruck, die sich von den Altnazis gestört fühlt, aber sie instinktiv auf ihrer Seite zu wissen wünscht. Denn an Gemeinsamem – dem ERINNERN an die Schrecken des alliierten Bombenkriegs und an die Gegenwart der fortdauernden Schrecken des globalisierten Kapitalismus – mangelte es doch nicht.

Dass sich das in Magdeburg abspielt, jener Hochburg der Vereinigung von west- und ostdeutschem Antiimperialismus, ist kein Zufall: Von allem war die Rede vor diesem Nazi-Aufmarsch, nur nicht vom Antisemitismus und vom Hass auf Israel. Wer davon spräche, würde im Handumdrehen Demonstranten wie Gegendemonstranten vereint gegen sich sehen. Die europäische Unschuld, die heute lieber morden lässt, statt selbst zu morden, fühlt sich von den bösen ewiggestrigen Nazis, denen man zumindest zugestehen muss, dass sie negativ die Wahrheit der europäischen Geschichte repräsentieren, eben so sehr gestört, wie sie sie zur Selbstvergewisserung braucht. In wenigen Wochen wird sich das Gleiche in Dresden abspielen, eine Selbstversicherung für deutsche Antifaschisten, die ohne Nazis in eine Identitätskrise gerieten – nicht von ungefähr sah man auf der Seite der Gegendemonstranten kein Transparent, das die Lüge von den »alliierten Mördern« angegriffen hätte. Denn darin ist man sich einig: Deutsche Opfer sind keine Täter.

Für den Fall, dass es jemandem noch nicht bewusst sein sollte: Die Arabische Liga ist nichts anderes als eine Agentur des US-Imperialismus, eine Marionette der Nato, eine Vorfeldorganisation der Zionisten! Seit zehn Tagen sind ihre Beobachter in Syrien – doch statt der Weltöffentlichkeit deutlich zu machen, dass dort alles zum Allerfeinsten bestellt wäre, wenn nur der aggressive Westen die friedliebende Assad-Regierung nicht per Insurgenten, Sabotageakten und Kriegsdrohungen zunehmend destabilisieren würde, behaupten sie doch tatsächlich allen Ernstes, es gebe zwischen Aleppo, Damaskus und Kuneitra üblen Terror, Folterungen und Morde, die auf das Konto eben jener Regierung gingen! Einer der Kontrolleure hat das Land sogar wieder verlassen, weil er und seine Kollegen von Assads Sicherheitsleuten angeblich »zum Narren gehalten« werden! Auf nichts und niemanden ist mehr Verlass!

Oder sagen wir: auf fast niemanden. Denn es gibt einen Hoffnungsschimmer, und der geht vom malerischen Pfaffenhofen an der Ilm aus – einem konsequent antiimperialistischen Widerstandsnest, an dem sich die Imperialistenknechte von der Arabischen Liga ein Beispiel nehmen sollten. In Pfaffenhofen nämlich sitzt der Verein »Freundschaft mit Valjevo«, der vor knapp dreizehn Jahren »unter dem Eindruck des völkerrechtswidrigen Natokrieges gegen Jugoslawien und der wochenlangen Bombardierung serbischer Städte« gegründet wurde, wie es auf der Internetseite dieser tadellosen Organisation heißt, und der nun mit einem Appell auf sich aufmerksam gemacht hat, bei dem bereits der Titel erfreulicherweise keine Fragen offen lässt: »Kriegsvorbereitungen stoppen! Embargos beenden! Solidarität mit den Völkern Irans und Syriens!«, lauten die Forderungen, die von Oberbayern aus in die Welt getragen werden sollen.

Und der Aufruf trägt reife Früchte: Rund 1.300 mutige – und teils illustre – Unterzeichner gibt es bereits, darunter die unbeugsamen linken Bundestagsabgeordneten Eva Bulling-Schroeter, Sevim Dağdelen, Diether Dehm, Heike Hänsel, Annette Groth und Ulla Jelpke, der Schauspieler Rolf Becker sowie die Edelfedern Ellen Rohlfs, Evelyn Hecht-Galinski und Gerhard Zwerenz. Sie alle prangern nicht nur an, dass die USA und die Nato den – unter Muammar al-Gaddafi überaus gerecht verteilten – »Reichtum Libyens geplündert« haben, sondern sie wissen auch, dass die Imperialisten bereits den nächsten zynischen und menschenverachtenden Coup planen: »Jetzt bereiten sie offen den Krieg gegen die strategisch wichtigen bzw. rohstoffreichen Länder Syrien und Iran vor, die eine eigenständige Politik verfolgen und sich ihrem Diktat nicht unterordnen.«

Ja, mehr noch: »Mit ständigen Kriegsdrohungen, dem Aufmarsch militärischer Kräfte an den Grenzen zu Iran und Syrien sowie mit Sabotage- und Terroraktionen von eingeschleusten ›Spezialeinheiten‹ halten die USA gemeinsam mit weiteren Nato-Staaten und Israel die beiden Länder in einem Ausnahmezustand, der sie zermürben soll.« Dazu bedienen sie sich übrigens ungezählter einheimischer Kollaborateure – die der aufrechte Genosse Jürgen Elsässer bereits im Sommer 2009 sehr zu Recht als »Discomiezen, Drogenjunkies und Strichjungen des Finanzkapitals« bezeichnet und denen er die Beförderung »in einen Darkroom« gewünscht hat —, die überdies dabei behilflich sein sollen, die Geschäfte des Militärisch-Industriellen Komplexes zu befördern: »Die inneren sozialen Konflikte sollen ethnisiert und zugespitzt, ein Bürgerkrieg entfacht werden, um einen Vorwand für die längst geplante militärische Intervention zu schaffen.«

Und wie immer gilt: Bei jeder Schweinerei ist die BRD dabei! Konkret: »An diesem Embargo gegen Iran und Syrien beteiligt sich auch ganz maßgeblich die deutsche Bundesregierung«, die deshalb, so fordern es der Pfaffenhofener Verein und seine Unterstützer mit allem Recht der Welt, unverzüglich dreierlei zu unternehmen habe: 1. bedingungslose und sofortige Aufhebung der Embargomaßnahmen gegen den Iran und Syrien; 2. keine Beteiligung an einem Krieg gegen diese Staaten sowie keine Erlaubnis zur Nutzung deutscher Einrichtungen für eine Aggression durch die USA und die Nato; 3. Einsatz auf internationaler Ebene für die Beendigung der Politik der Erpressung und Kriegsdrohung gegen den Iran und Syrien. Zwar gilt, was der Kamerad Elsässer unlängst in seinem Beitrag mit dem angenehm unzweideutigen Titel »Fuck USA!« verlautbaren ließ: »Weitere Kriege werden kommen, weil der Imperialismus nicht ohne Kriege leben kann.« Aber: »Die Gegenkräfte sind mächtig, wenn sie sich nicht entwaffnen lassen. Mögen Syrien, Iran, Russland, Venezuela, Kuba und China das Pulver trocken halten. No paseran! Pasaremos!«

Derweil machen die Pfaffenhofener Appellanten und ihre Anhänger unmissverständlich klar: »Das iranische und [das] syrische Volk haben das Recht, über die Gestaltung ihrer politischen und gesellschaftlichen Ordnung allein und souverän zu entscheiden.« Im Iran haben sie von diesem Recht bekanntlich bereits im Jahr 2009 Gebrauch gemacht und Mahmud Ahmadinedjad in fairen, demokratischen Wahlen mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt; in Syrien hätte Bashar al-Assad – daran kann selbstverständlich nicht der geringste Zweifel bestehen – ein ähnliches Ergebnis zu erwarten. Zudem – und auch das sei den Imperialisten ins Stammbuch geschrieben – verlangt es »die Erhaltung des Friedens, dass das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten konsequent eingehalten wird«. Das weiß man schließlich nirgendwo besser als in Deutschland, das von den Alliierten seinerzeit mit einem verheerenden Krieg überzogen wurde, als es seine inneren Angelegenheiten endzulösen versuchte.

In diesem Sinne: Schafft zwei, drei, viele Pfaffenhofens! Rot Front!

Tipp zum Weiterlesen: Letters from Rungholt, Wir haben den Schuldigen!

And now for something completely different, um es mit Monty Python zu sagen. Nach langem Zögern, reiflichem Überlegen und eingehender Beratung hatte ich Ende des vergangenen Jahres den Beschluss gefasst, mir eines dieser nahezu omnipotenten Wischtelefone zuzulegen, ohne die ja kaum noch ein mondäner Mensch das Haus verlässt. Ein Samsung Galaxy SII (i9100) sollte es sein. Nun gehöre ich zu den Leuten, die neuen technischen Gerätschaften bevorzugt, wenn auch nicht ausschließlich, nach dem Prinzip »learning by doing« zuleibe rücken und vor allem daumendicke Gebrauchsanweisungen schätzen wie Fußballer einen Kreuzbandriss. Umso erfreuter war ich daher, als ich vom zweiten Radioprogramm des Westdeutschen Rundfunks darauf aufmerksam gemacht wurde, dass die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz gegen eine Gebühr von schlappen fünf Euro (plus Versand) Kurzanleitungen für die gängigsten Smartphone-Modelle bereithält. Ein Blick auf die Website der nämlichen Einrichtung bestätigte diesen Hinweis.

Also bestellte ich per E-Mail einen solchen kompakten Leitfaden unter Angabe der genauen Typbezeichnung meines Telefons – und staunte nicht schlecht, als ich statt der Broschüre eine Antwortmail der Verbraucherzentrale erhielt, in der es hieß, man führe »die Kurzanleitung für Ihr Handy nicht«, denn »Ihr Handymodell ist noch nicht analysiert worden«. War das schon einigermaßen verwunderlich angesichts der Tatsache, dass das besagte Samsung-Smartphone nicht erst gestern auf den Markt geworfen worden war und darüber hinaus allenthalben glänzende Kritiken erhalten hatte, so stieg die Zahl meiner Stirnfalten noch, als ich die folgenden Zeilen las: »Wir können Ihnen lediglich vorschlagen, dass Sie Ihr Handy zusammen mit der Gebrauchsanweisung, Aufladevorrichtung und PIN-Nr. als Päckchen an die unten angegebene Adresse schicken. Telecomputer marketing wird sich bemühen, das Handy schnellstens zu analysieren und eine neue Kurzanleitung zu erstellen. Handy und die neue Kurzanleitung werden schnellstens zurückgeschickt. Als Dankeschön erhalten Sie die Kurzanleitung gratis.«

Ein grandioser Vorschlag, ungefähr so brillant wie die Idee, einem von meiner Bank beauftragten externen Unternehmen sämtliche relevanten Unterlagen inklusive der Geheimzahl zukommen zu lassen, sollte ich einmal ein Problem mit dem Online-Banking haben. Datenschutz ist schließlich was für Weicheier! Außerdem: Wer würde nicht gerne die Firma Telecomputer marketing mit Sitz in Essen darin unterstützen, für die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz e.V. kleine Manuals anzufertigen, und dabei noch tagelang auf sein neues Smartphone verzichten? Zumal »als Dankeschön« ein veritabler Gewinn herausspränge: Der Versand per DHL-Paket – ein Päckchen käme, weil unversichert, nicht in Frage – kostet 4,90 Euro; das würde bei einer Gebühr von fünf Euro für die Kurzanleitung plus einem Euro für den Versand immerhin zu einer Marge von einem Euro und zehn Cent führen. Und man hätte auch noch einen echten Beitrag zum virtuellen Gemeinwohl geleistet. Wer könnte da widerstehen?

Die Antwort: Ich. Fuck you, Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz e.V.! Da will man einmal eure Dienste in Anspruch nehmen, und dann das. Ich wünsche euch von Herzen das gleiche Schicksal wie dem Stuttgarter Hauptbahnhof, aber wahrscheinlich züchtet ihr im Foyer ein paar Juchtenkäfer, um das zu verhindern. Allerdings könnt ihr alles wiedergutmachen: Schickt mir einfach per Postkarte die Zugangsdaten für eure Website, dann lösche ich die oben erwähnte Pressemitteilung. Als Dankeschön erhaltet ihr das Passwort gratis zurück, und zwar über mein Wischtelefon, das ich mir inzwischen untertan gemacht habe. Da nich’ für!

Recht und Gerechtigkeit

Es waren heftige Szenen, die sich am Mittwochabend beim Pokalspiel zwischen den beiden niederländischen Erstligisten Ajax Amsterdam und AZ Alkmaar zutrugen: 36 Minuten waren gespielt, als ein offenbar nahkampferprobter (zumindest aber -bereiter) Zuschauer auf den Platz lief und Alkmaars Torwart Esteban Alvarado im Sprung attackierte. Der Keeper der Gäste hatte den kahlrasierten Mann allerdings in letzter Sekunde bemerkt und schaffte es, dessen Angriff – ebenfalls im Sprung – abzuwehren (Foto oben). Der Angreifer ging daraufhin zu Boden und kassierte dort zwei weitere Fußtritte von Alvarado, bevor er von mehreren Platzordnern dingfest gemacht wurde. Schiedsrichter Bas Nijhuis stellte den Alkmaarer Torhüter mit der Roten Karte vom Platz, was geharnischte Proteste durch die Gastmannschaft zur Folge hatte und deren Trainer Gertjan Verbeek veranlasste, sein Team vom Feld zu holen und in die Kabine zu schicken. Die Partie wurde vom Referee schließlich notgedrungen abgebrochen.

Hernach gab es viel Verständnis für den Schlussmann des AZ Alkmaar, auch von Seiten der Gastgeber. »Ich habe gesehen, dass Esteban attackiert wurde und sich verteidigt hat«, sagte beispielsweise Ajax-Coach Frank de Boer, der es allerdings ernsthaft für nötig hielt, seine Ansicht vor allem mit der Herkunft des Torwarts zu begründen: »Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, aber ich kann ihn mit seinem südamerikanischen Temperament verstehen.« Der Amsterdamer Finanzdirektor Jeroen Slop entschuldigte sich bei den Gästen, und der sportliche Leiter des Klubs, Danny Blind, meinte: »Was für ein Wahnsinn! Das ist ein Drama und ein historischer Tiefpunkt für Ajax.« Der frühere niederländische Fifa-Schiedsrichter Mario van der Ende hielt den Platzverweis für Esteban Alvarado dennoch für berechtigt: »Regel 12 ist ganz eindeutig«, sagte er der Tageszeitung De Telegraaf. »Wenn ein Spieler sich einer Gewalthandlung auf dem Platz oder gegen einen Zuschauer oder Offiziellen schuldig macht, ist er mit der Roten Karte zu bestrafen. Spielregeltechnisch hat Nijhuis richtig entschieden.«

In der Tat hatte der Unparteiische keine andere Wahl, denn in den Fußballregeln heißt es (deutsche Fassung, Seite 90): »Spieler, Auswechselspieler oder ausgewechselte Spieler, die eine Tätlichkeit begehen, werden des Feldes verwiesen« sowie »Als Tätlichkeit gelten auch übertriebene Härte oder Gewalt gegen eigene Mitspieler, Zuschauer, Spieloffizielle oder sonstige Personen«. Ein Recht auf Selbstverteidigung kennen die Regeln nicht; daher ist auch ein Spieler, der sich tätlich gegen eine Attacke zur Wehr setzt – gleichgültig, ob sie von einem anderen Spieler, einem Funktionär, einem Zuschauer oder gar vom Schiedsrichter ausgegangen ist –, vom Feld zu stellen. Lediglich bei der Länge der Sperre nach einem solchen Platzverweis wird von den zuständigen Instanzen berücksichtigt, ob der betreffende Spieler zuvor provoziert oder gar angegriffen wurde. Auf dem Rasen hingegen gibt es für den Referee keinen Handlungsspielraum: Wer schlägt, tritt oder spuckt, bekommt zwingend die Rote Karte – unabhängig davon, ob er selbst der Aggressor gewesen ist oder sich lediglich verteidigt hat.

Hier mag ein Dilemma vorliegen, eines, das den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit berührt: Wer würde Esteban Alvarado die moralische Legitimation absprechen wollen, den Versuch der Körperverletzung zu unterbinden und den Hooligan unschädlich zu machen? Insofern ist der empörte Protest der Alkmaarer gegen die Rote Karte für ihren angegriffenen Mitspieler zunächst einmal verständlich. Dennoch spricht viel dafür, die Ermessensspanne des Schiedsrichters in solchen Fällen extrem gering zu halten. Denn es würde ihn zwangsläufig überfordern, müsste er – und das auch noch innerhalb weniger Sekunden – unwiderruflich entscheiden, ob tatsächlich eine gerechtfertigte Selbstverteidigung vorliegt, ob sich die Wahl der Mittel als dem Zweck gegenüber angemessen bezeichnen lässt und ob das Handeln des jeweiligen Spielers alternativlos ist. Die beiden letztgenannten Punkte dürften in Bezug auf das Vorgehen von Alvarado übrigens fraglich sein – denn dass es noch zweier vehementer Tritte gegen den bereits am Boden liegenden Mann bedurfte, um diesen außer Gefecht zu setzen, kann man zumindest bezweifeln.

Zudem mögen sich all diejenigen, die sich nun in populistischer Manier darüber echauffieren, dass der Alkmaarer Torhüter vom Platz geflogen ist, einmal vergegenwärtigen, was wohl geschähe, gestünde man Spielern in – vermeintlich oder tatsächlich begründeten – Ausnahmefällen ein Faustrecht zu: Die Zahl der Ausschreitungen – vor allem in den unteren Spielklassen – würde mit großer Wahrscheinlichkeit sprunghaft ansteigen, wenn sich jeder Spieler, der angegriffen wird (oder sich auch nur angegriffen fühlt), legitimiert sähe, mit gleicher Münze zurückzuzahlen, ohne einen Platzverweis befürchten zu müssen. Denn mit absoluter Sicherheit fänden sich sofort Dritte – seien es Spieler, Trainer, Betreuer oder Zuschauer –, die den Zwist zu einer veritablen Massenkeilerei eskalieren würden. Dass es dazu, gemessen an der großen Zahl der wöchentlich stattfindenden Spiele, noch immer eher selten kommt, dürfte entscheidend damit zusammenhängen, dass auch eine zur Selbstverteidigung begangene Tätlichkeit mit einer Roten Karte geahndet wird. Auf den ersten Blick mag das dem Gerechtigkeitsempfinden widersprechen, auf den zweiten ist es eine Deeskalationsmaßnahme.

Hätte Esteban Alvarado die Attacke des Zuschauers also einfach über sich ergehen lassen sollen? Nein – und trotzdem war der Feldverweis gegen ihn aus den genannten Gründen so unausweichlich wie richtig. Andernfalls wäre ein Präzedenzfall geschaffen worden, der kaum zu kontrollierende Folgen hätte, und bei der Länge der Sperre wird das zuständige Sportgericht ohnehin berücksichtigen, dass der Keeper zuvor angegangen wurde. Bedenklich ist deshalb in diesem Zusammenhang die Entscheidung des Alkmaarer Trainers, eigenmächtig einen Spielabbruch herbeizuführen: Eine solche Konsequenz steht alleine dem Unparteiischen zu, der nicht nur die Einhaltung der Spielregeln zu überwachen (und gegebenenfalls die vorgesehenen Sanktionen zu verhängen), sondern auch zu entscheiden hat, ob die Fortführung einer Partie nach einem Zwischenfall wie jenem am Mittwochabend gefahrlos möglich ist. Vom Coach einer Profimannschaft sollte man erwarten können, dass er dies akzeptiert, auch in heiklen Situationen besonnen handelt und nicht überreagiert, wie es Gertjan Verbeek getan hat.

Update: Medienberichten zufolge hat der niederländische Fußballverband (KNVB) heute die Rote Karte für Esteban Alvarado gestrichen. Dem Torwart wurde zugute gehalten, er sei »hinterrücks überfallen worden« und habe den Angreifer deshalb nicht sehen können, weshalb sein Vorgehen »nicht zwingend mit einem Platzverweis hätte bestraft werden müssen«. So bemerkenswert die Annullierung dieses Platzverweises als solche sicherlich ist, so fragwürdig ist die Begründung dafür – schließlich wird damit die Autorität des Schiedsrichters untergraben, der sich völlig regelkonform verhalten hat. Und man kann von ihm, wie oben bereits ausgeführt, schlicht und ergreifend nicht verlangen, binnen weniger Sekunden (und unter großem Stress) zu entscheiden, wann eine Selbstverteidigung gegeben ist und wie weit sie gehen darf. Genau das aber scheint der KNVB zu erwarten. Man darf gespannt sein, wie die niederländischen Schiedsrichter darauf reagieren werden – und darüber hinaus die FIFA, die unter Androhung von Strafen gegen den jeweiligen Nationalverband darauf pocht, dass nach Platzverweisen (auch nach zweifelhaften) wenigstens die Mindestsperre von einem Spiel verhängt wird.


Es gibt in Deutschland ein ungeschriebenes Gesetz, wonach kein Artikel über den Nahen Osten erscheinen sollte, der nicht die angebliche Seelenlage »der Palästinenser« berücksichtigt (was ja nie etwas anderes als eine bloße Spekulation und unsinnige Verallgemeinerung sein kann). Sie sind immer »frustriert«, »enttäuscht«, geplagt von »Befürchtungen« und »Zweifeln«. Ihr »Vertrauen« in »Europa«, die USA, »den Westen« und all »die Hoffnungen«, die sie angeblich in den »Friedensprozess« setzen, müssten dringend repariert werden, heißt es immer wieder. Interessanterweise wird solches niemals von Israelis gesagt. Haben die keine Hoffnungen, Befürchtungen und Zweifel? Jetzt also sind die Palästinenser mal wieder »bestürzt«, wie alle Zeitungen gleichlautend melden. Warum? Weil Newt Gingrich, der sich darum bewirbt, der Kandidat der Republikaner für das Amt des US-Präsidenten zu werden, die Palästinenser als »erfundenes Volk« bezeichnet hat. Sie seien tatsächlich Araber, so Gingrich, »und historisch Teil der arabischen Gemeinschaft«.

Was ist falsch an dieser Aussage? Nichts – außer, dass durch sie ein allgemein verbreitetes Glaubensbekenntnis in Frage gestellt wird. Da ist es nicht überraschend, dass in den Anti-Gingrich-Artikeln und -Kommentaren keine Gegenargumente vorgebracht werden, sondern – abgesehen von Berichten über die angebliche »Bestürzung« in Gaza und Ramallah – vor allem Ad-hominem-Angriffe (in nur zwei Artikeln über Gingrichs Äußerungen nannte die Süddeutsche Zeitung ihn insgesamt dreimal ein »Raubein«).

Wenden wir uns den wenigen zu, die versuchen (oder vorgeben), sich mit den Fakten zu beschäftigen. Da ist etwa George S. Hishmeh, ein Kolumnist der englischsprachigen arabischen Internetpublikation Gulf News, der einen ägyptischen Professor kennt, welcher sich daran »erinnert«, dass eine »bekannte historische Publikation« die Gründung Palästinas einmal auf das Jahr 3000 oder 2500 vor unserer Zeitrechnung datiert habe. Wer traute sich da zu widersprechen? Auf Resonanz bei einem liberalen Publikum spekuliert offenbar ein auf derselben Website erschienener Beitrag, in dem es heißt, alle Nationen seien erfunden, die amerikanische auch. Der Gegensatz zwischen beiden Argumenten könnte nicht größer sein: Im einen Fall wird die Messlatte für die Legitimierung nationaler Bestrebungen extrem hoch gehängt (ein paar tausend Jahre Geschichte sollte man schon vorweisen können), im anderen extrem niedrig (ist doch sowieso alles egal). Für einen der beiden Standpunkte sollten sich die Fürsprecher des »palästinensischen Volkes« einmal entscheiden. Wollen sie pragmatisch sein, auf angebliche Traditionen und jegliches nationalistische Gedöns verzichten? Dann könnte der Nahostkonflikt schon morgen in Verhandlungen beendet werden.

Oder beharren sie auf ihrer Blut-und-Boden-Argumentation samt jahrtausendelanger Geschichte des »palästinensischen Volkes« und der exklusiven Reklamation ganz Palästinas für die Araber? In diesem Fall müssen sie damit leben, dass andere Menschen ihre falschen Argumente unter die Lupe nehmen und ihnen widersprechen. Newt Gingrich hat das nun an prominenter Stelle getan und ist mit seiner Meinung nicht allein. »Palästina ist ein geografisches Gebiet, keine Nationalität«, sagt auch der in New York lebende Wissenschaftler, Unternehmer und Publizist Eli E. Hertz. Einen aufschlussreichen Ausschnitt aus seinem im Januar 2009 auf seiner Website Myths and Facts veröffentlichten Essay »Palestinians« hat Stefan Frank für Lizas Welt mit freundlicher Genehmigung des Autors erstmals ins Deutsche übersetzt.


VON ELI E. HERTZ


Die Araber erfanden in den 1960er Jahren eine besondere nationale Identität namens Palästinenser, eigens um des politischen Vorteils willen. Sie brandmarken Israelis als Invasoren und behaupten, das Palästina genannte geografische Gebiet gehöre exklusiv den Arabern. Dabei ist das Wort »Palästina« noch nicht einmal ein arabisches. Es ist vielmehr eines, das um das Jahr 135 unserer Zeitrechnung von den Römern geprägt wurde, in Anlehnung an den Namen eines seefahrenden ägäischen Volkes, das in der Antike an der Küste von Kanaan siedelte – die Philister. Das Wort wurde gewählt, um den Namen Judäa zu ersetzen, als Zeichen dafür, dass die jüdische Souveränität im Zuge der jüdischen Revolten gegen Rom ausgelöscht wurde.

Im Laufe der Zeit wurde der lateinische Name Philistia zu Palistina oder Palästina verballhornt. Während der folgenden 2.000 Jahre war Palästina niemals ein unabhängiger Staat, der irgendeinem Volk gehört hätte, noch tauchte während der 1.300jährigen muslimischen Hegemonie unter arabischer und osmanischer Herrschaft in Palästina ein palästinensisches Volk auf, das sich von anderen Arabern unterschieden hätte.

Palästina war und ist ausschließlich eine geografische Bezeichnung. Darum ist es nicht überraschend, dass das Wort »Palästinenser« in der Neuzeit zur Bezeichnung aller Einwohner – jüdischer wie arabischer – des Gebietes zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan benutzt wurde. Tatsächlich bevorzugten es die meisten Araber in Palästina vor den 1960er Jahren, sich lediglich als Teil der großen arabischen Nation oder als Bürger »Südsyriens« zu identifizieren.

Des Begriffs »Palästinenser« bemächtigten sich die Araber in den 1960er Jahren; es war eine von Yassir Arafat initiierte Taktik, um die Juden als Eindringlinge in anderer Leute Garten zu brandmarken. Arafat stellte die arabischen Bewohner Israels, des Gazastreifens und des Westjordanlandes als indigene Einwohner seit Urzeiten dar. Diese erdichtete Nationalität erlaubte es den palästinensischen Arabern, als eine Nation, die einen unabhängigen Staat verdiene, mit den Juden Parität zu erlangen.

In einem Interview, das Zahir Musein, ein Mitglied des PLO-Exekutivkomitees, im März 1977 der holländischen Zeitung Trouw gab, gab er zu: »Nur aus politischen und taktischen Gründen sprechen wir heute von der Existenz eines palästinensischen Volkes – weil das arabische Interesse es erfordert, dass wir die Existenz eines unterscheidbaren palästinensischen Volkes postulieren, um es dem Zionismus entgegenzustellen.«

Unzählige offizielle Dokumente aus der Zeit des britischen Mandats sprechen von »den Juden« und »den Arabern« Palästinas – nicht von »Juden und Palästinensern«. Ironischerweise wurde das Wort »Palästina« – bevor die ortsansässigen Juden 1948 anfingen, sich als »Israelis« zu bezeichnen (der Name »Israel« wurde damals für den neu geschaffenen jüdischen Staat gewählt) – fast ausschließlich im Hinblick auf Juden und die von jüdischen Immigranten im frühen 20. Jahrhundert vor der Unabhängigkeit geschaffenen Institutionen benutzt.

Einige Beispiele:

  • Die 1932 gegründete Jerusalem Post nannte sich bis 1948 Palestine Post.
  • Die Bank Leumi L’Israel nannte sich Anglo-Palestine Bank.
  • Die Jewish Agency – ein Arm der zionistischen Bewegung, der sich seit 1929 für die jüdische Besiedlung engagierte – nannte sich Jewish Agency for Palestine.
  • Die Zeitung des amerikanischen Zionismus in den 1930er Jahren hieß New Palestine.
  • Das heutige Israel Philharmonic Orchestra, gegründet 1936 von deutschen Juden, die aus Nazideutschland geflohen waren, nannte sich Palestine Symphony Orchestra. [...]

Ermutigt von ihrem Erfolg beim historischen Revisionismus und bei der Gehirnwäsche der Welt mit der »großen Lüge« von der Existenz eines palästinensischen Volkes, haben die palästinensischen Araber in jüngster Zeit angefangen zu erzählen, sie seien Nachfahren der Philister und sogar der steinzeitlichen Kanaaniter. Auf der Basis dieses Mythos können sie behaupten, sie seien den Juden zweimal zum Opfer gefallen: erst den Israeliten bei der Eroberung Kanaans, dann den Israelis der Neuzeit – ein totales Märchen. Archäologen zufolge waren die Philister ein Mittelmeervolk, das um das Jahr 1100 vor unserer Zeit entlang der Küste Kanaans siedelte. Es hatte keine Verbindung zur arabischen Nation, einem Wüstenvolk, das von der Arabischen Halbinsel stammt.

Und als ob dieses Märchen noch nicht genug wäre, behauptete Arafat, die palästinensischen Araber seien »Nachfahren der Jebusiten«, die vertrieben worden seien, als König David Jerusalem eroberte. Arafat behauptete auch: »Abraham war ein Iraker.« An einem Heiligabend verkündete er, dass »Jesus ein Palästinenser« gewesen sei. Eine groteske Behauptung, die die Worte von Hanan Ashrawi, einer arabischen Christin, wiederholte, die in einem Interview am Rande der Madrider Konferenz 1991 gesagt hatte: »Jesus Christus wurde in meinem Land geboren« und behauptete, sie sei »Nachfahre der ersten Christen« – Jünger, die das Evangelium rund um Bethlehem verbreiteten, gut 600 Jahre vor der arabischen Eroberung. Wenn ihre Behauptung wahr wäre, wäre das gleichbedeutend mit dem Bekenntnis, dass sie eine Jüdin ist!

Die Widersprüche sind also offensichtlich. Palästinensische Führer behaupten, die Nachfahren der Kanaaniter, der Philister, der Jebusiten und der ersten Christen zu sein; sie kooptieren Jesus und ignorieren seine Zugehörigkeit zum Judentum, während sie gleichzeitig behaupten, die Juden seien kein Volk und hätten niemals die Heiligen Tempel in Jerusalem errichtet. [...]

Nur zweimal in seiner Geschichte diente Jerusalem als nationale Hauptstadt: Zum ersten Mal, als es die Hauptstadt des jüdischen Gemeinwesens während der Perioden des Ersten und des Zweiten Tempels war, wie es in der Bibel beschrieben ist und von archäologischen Belegen sowie zahlreichen antiken Dokumenten bekräftigt wird. Das zweite Mal in der Neuzeit als Hauptstadt des Staates Israel. Es war nie eine arabische Hauptstadt, aus dem einfachen Grund, weil es nie einen arabischen palästinensischen Staat gab.

Die im Namen der Palästinenser vorgebrachte Rhetorik arabischer Führer klingt unglaubwürdig, denn die Araber in den Nachbarländern, die 99,9 Prozent des Landes im Nahen Osten kontrollieren, haben nie eine palästinensische Entität anerkannt. Sie haben Palästina und seine Bewohner immer als Teil der großen »arabischen Nation« betrachtet, historisch und politisch als einen wesentlichen Bestandteil von Groß-Syrien – Suriyya al-Kubra –, eine Bezeichnung, die beide Seiten des Jordans umfasst. In den 1950er Jahren hat Jordanien die Westbank einfach annektiert, da ihre Bevölkerung als die Brüder der Jordanier galt. [...]

Die Araber gründeten keinen palästinensischen Staat, als die UN einen Teilungsplan vorlegte, der einen jüdischen und einen arabischen (und nicht etwa einen palästinensischen) Staat zum Ziel hatte. Auch während der zwei Jahrzehnte vor dem Sechstagekrieg, als die Westbank unter jordanischer und der Gazastreifen unter ägyptischer Kontrolle waren, haben die Araber keinen palästinensischen Staat anerkannt oder gegründet – noch haben die Palästinenser in dieser Zeit nach Autonomie oder Unabhängigkeit gerufen.

1937 – also lange vor der Entscheidung von 1967, ein »Palästinenser« genanntes neues arabisches Volk zu schaffen –, als das Wort »palästinensisch« noch mit jüdischen Unternehmungen assoziiert wurde, sagte Auuni Bey Abdul-Hadi, ein örtlicher arabischer Anführer vor einem britischen Untersuchungsausschuss, der Peel Commission, aus: »Es gibt kein solches Land [Palästina]! Palästina ist ein Begriff, den die Zionisten erfunden haben! In der Bibel gibt es kein Palästina. Unser Land war über Jahrhunderte hinweg ein Teil Syriens.« Der arabische Historiker Philip Hitti sagte 1946 vor dem Anglo-American Committee of Inquiry, welches ebenfalls als Untersuchungsausschuss fungierte: »So etwas wie Palästina existiert in der [Arabischen] Geschichte nicht, absolut nicht.« [...]

Es gibt bereits einen palästinensischen Staat und ein palästinensisches Volk, in allen Aspekten mit Ausnahme des Namens: Über 70 Prozent aller Jordanier sind palästinensische Araber. Den Briten wurde 1920 ein Mandat über Palästina übertragen, um die Balfour-Deklaration von 1917 umzusetzen, die »die Errichtung einer jüdischen Heimstatt in Palästina« forderte – ein geografischer Begriff, der das westliche Palästina (das heutige Israel und die Westbank) und Ostpalästina (das heutige Jordanien) umfasste. 1923 wurde Ostpalästina, das 77 Prozent des Mandatsgebietes ausmachte, herausgeschnitten, um die Araber zu beschwichtigen, die sich der Idee einer Rückkehr der Juden in ihr altes jüdisches Heimatland widersetzten.

Dieser Teil wurde ein separates Mandat, und im Jahr 1946 wurde Ostpalästina das Haschemitische Königreich Transjordanien (das später in »Jordanien« umbenannt wurde, nachdem die Jordanier die Westbank besetzt hatten) – ein Land, das heute in jeder Hinsicht außer dem Namen nach ein palästinensischer Staat ist, herausgearbeitet aus dem Mandatsgebiet Palästina. 70 Prozent der Jordanier sind palästinensische Araber, und Palästinenser besetzen Schlüsselpositionen in der jordanischen Regierung und Wirtschaft. Sogar die Königin – Rania, die Frau König Abdullahs des Zweiten – ist Palästinenserin. Die übrigen 30 Prozent der jordanischen Bevölkerung sind Beduinen, die von der Arabischen Halbinsel stammen, die aus Mekka stammende jordanische Königsfamilie inbegriffen.

Doch die Araber sind nicht zufrieden mit einer palästinensischen politischen Entität namens Jordanien, in der sie die unangefochtene Mehrheit stellen und die politische Maschinerie und das Territorium für Selbstbestimmung haben. Stattdessen wollen sie einen weiteren Staat, denn 21 arabische Staaten sind nicht genug – und ein jüdischer Staat ist einer zu viel.

Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Weblog E.J. Bron: Waarom Newt Gingrich gelijk heeft.

Milde Strafe für einen antisemitischen Aktivisten: Am 8. November wurde in Hamburg das Urteil in einem Fall gesprochen, der in Verbindung zu der politisch motivierten Blockade eines Kinofilms steht, die vor zwei Jahren international für Aufsehen gesorgt hatte.


VON STEFAN FRANK UND HEINER KORDEWINER


Am 25. Oktober 2009 hatte eine Gruppe von Hooligans aus dem antisemitischen Spektrum der linken Szene Hamburgs gewaltsam die Vorführung von Claude Lanzmanns Film »Warum Israel« verhindert. Militante Israelhasser hatten sich vor dem Eingang des Kinos aufgebaut, Personen, die den Film sehen wollten, den Zugang zum Kino verstellt und sie unter anderem als »Judenschweine« und »Schwuchteln« beschimpft. Mehrere Besucher wurden durch Faustschläge verletzt. Damit auch der Dümmste die antiisraelische Absicht erkennt, baute die Rotte eine Kulisse auf, die einen »israelischen Checkpoint« darstellen sollte.

Dass die Veranstalter trotz der von den Blockierern verübten Straftaten nicht die Polizei riefen, könnte nach Ansicht vieler Beobachter ideologische und andere obskure Gründe haben: Sowohl die Randalierer als auch die Betreiber des Kinos B-Movie, die den Film zeigen wollten, rechnen sich der politischen Linken zu. Sie arbeiten Tür an Tür und teilen sich einen heiligen Ort: In einem Teil der Brigittenstraße 5 in Hamburg befindet sich das Kino, das von linksalternativen Filmfreunden betrieben wird. In einem anderen (Foto oben) sind die »B5« genannten Versammlungsräume, in denen sich linke Antisemiten, Verschwörungstheoretiker und Anhänger völkischer Bewegungen treffen, um gegen den »Imperialismus« zu wettern. Die Toiletten des Hauses müssen linke Filmfreunde und linke Judenhasser gemeinsam benutzen.

Was die ideologischen Defäkationen der »B5« betrifft, so hat inzwischen auch die Hamburger NPD sie gerochen: Kurz nach dem Vorfall vor dem Kino unterbreitete sie den Linksnazis ein Kooperationsangebot, unter Hinweis auf die »vielen Gemeinsamkeiten mit dem weltanschaulichen Fundament der NPD«. Als Beispiele nannte sie den »geistigen Widerstand gegen den Kapitalismus, gegen die Ausbeutung sozial benachteiligter Angehöriger unseres Volkes sowie de[n] Kampf gegen politische Repression, internationale Kriege der USA und die Zersetzung der geistigen und kulturellen Substanz unseres Volkes«.

Vor der Verhinderung des Lanzmann-Films waren Personen aus der »B5« bereits häufiger durch antisemitische Aktionen und den Einsatz von Gewalt zur Beschränkung der Meinungsfreiheit aufgefallen: 2002 überfielen sie den Hamburger Radiosender FSK; mindestens dreimal attackierten sie in den letzten Jahren pro-israelische Demonstrationen und warfen Flaschen; im Januar 2009 organisierten sie eine Unterstützungsveranstaltung für die Hamas auf dem Jungfernstieg (im Verbund mit Linkspartei und Islamisten).

Bei der Kinoblockade im Oktober 2009 erhielt die »B5« Verstärkung von Gernot H., einem einer militanten „Tierrechtsbewegung“ angehörenden Boxer und Kampfsportler. Dieser musste sich nun vor Gericht verantworten, weil ein Mann, der vor dem Kino von ihm geschlagen und später noch einmal von ihm überfallen und bedroht worden war, Anzeige erstattet hatte. Im Gespräch mit Lizas Welt beschreibt H.s Opfer, wie er und ein Bekannter attackiert wurden:

Bei der Kinoblockade bauten sich mehrere Leute vor uns Gästen auf, darunter Gernot H., der mit Zahnschutz und schweren Lederhandschuhen offensichtlich auf körperliche Auseinandersetzung vorbereitet war. H. schlug dann auch unmittelbar zu, und zwar erst meinem Begleiter A., dann mir gezielt ins Gesicht, immerhin so stark, dass ich zurücktaumelte und A.s Auge angeschwollen war. Ich bin dann gegangen und habe die Polizei gerufen, die nach einer Zeit kam, das (inzwischen beruhigte) Geschehen aus der Ferne beobachtete und dann schnell wieder ging. Fünf Tage späte traf ich H. beim Aussteigen an der U-Bahn Feldstraße wieder. Er fixierte mich auf dem Weg zur Ausstiegstreppe; als er schließlich direkt vor mir stand, sagte ich: ›Wenn hier irgendwas passiert, zeige ich dich an.‹ Daraufhin sagte H. ›Du hast mich bedroht‹ und schlug mir wieder unvermittelt ins Gesicht. Beim Gehen rief er mir noch zu: ›Du kommst hier öfter längs, du bist dran.‹

Eine weitere Begegnung mit H. fand in der Nacht vom 4. auf den 5. April 2010 in einer zu dieser Zeit wenig belebten Straße statt:

Diesmal drohte er: ›Wenn ich wegen dir vor Gericht komme, kille ich dich. Das schwör’ ich dir. Nimm mich ernst.‹ Die letzte Begegnung gab es dann am 24. Dezember 2010, als ich einkaufen war. H. stand vor mir in der Schlange, ging dann aus dem Laden; als ich den Laden verließ, sprang er von hinter der Tür hervor und spuckte mir ins Gesicht.

Anders als der gelangweilte Richter präsentierte sich H.s Verteidiger, sonst eher Spezialist für Drogen-Kleinkriminelle, während des Prozesses höchst motiviert – so, als wäre er in einer wichtigen Mission unterwegs. In seinem Plädoyer klagte er darüber, dass man »wegen des Nationalsozialismus in Deutschland leider nicht gegen Israel sein« dürfe. Vom Richter wurde Gernot H. zugute gehalten, dass seine Schläge nicht dazu geführt hätten, dass das Opfer »blutüberströmt zusammenbrach«. Den Satz »Wenn du mich anzeigst, kille ich dich« habe der arbeitslose »Baumpfleger« nicht wörtlich gemeint.

Von zwei Zivilpolizisten, die bei den Ereignissen vor dem Kino anwesend waren, aber nicht eingegriffen hatten, tauchte nur einer vor Gericht auf. Er bestätigte zunächst die Auseinandersetzung vor dem Kino, war sich aber plötzlich nicht mehr sicher, nachdem der Verteidiger ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, dass es kein gutes Licht auf ihn werfe, wenn er trotzdem untätig abseits gestanden hätte. Identifizieren konnte er niemanden.

Nach zwei Prozessterminen mit Zeugenanhörungen wurde Gernot H. wegen Nötigung und zweifacher Körperverletzung schuldig gesprochen. Das Strafmaß: eine Geldstrafe von 80 Tagessätzen à zehn Euro – auf Bewährung. Als einzige Auflage muss H. 200 Euro in den Justiztopf »Wissenschaft/Kunst/Kultur« spenden und darf für einen Bewährungszeitraum von zwei Jahren keine Unterstützer Israels mehr verprügeln.

Unter den Zuschauern waren vor allem linke Antisemiten, Freunde des Angeklagten. Der Staatsanwalt war Außenseiter im Saal mit seiner Ansicht, es dürfe nicht toleriert werden, dass die Vorführung eines Films über Israel, »der drei Jahrzehnte lang überall in der Welt gezeigt werden konnte«, ausgerechnet in Hamburg nicht möglich sei.

H.s Opfer zeigte sich gegenüber Lizas Welt »einerseits erleichtert, dass H. überhaupt schuldig gesprochen wurde«. Schließlich hatte der Richter schon am ersten Tag die Einstellung des Verfahrens vorgeschlagen (was die Staatsanwaltschaft aufgrund des öffentlichen Interesses an dem Fall ablehnte). Außerdem, so der Mann weiter, sei das Hauptziel ja »ein deutliches Signal« gewesen, dass er sich H.s Aktionen nicht gefallen lasse; nun müsse H. – hoffentlich – »erst einmal die Füße still halten«. Andererseits seien 80 Tagessätze auf Bewährung für zweimal Körperverletzung und einmal Nötigung »schon auch irgendwie ein Witz, vor allem, wenn selbst die Entlastungszeugin bestätigt, dass H. einen Mundschutz trug, das heißt, offensichtlich mit Vorsatz und (mindestens passiver) Bewaffnung handelte.« Trotz des lächerlich milden Urteils war Gernot H. sichtbar sauer: Er hatte einen Freispruch erwartet und machte nun seinem Ärger Luft: »Waschlappen« rief der Schläger in Richtung der Zeugen, als er das Gericht verließ.

Aktion Libero

Wann immer man glaubt, es gebe im Fußball so etwas wie zarte Fortschritte in Bezug auf den Umgang mit dem Thema Homosexualität, folgt so sicher die Ernüchterung auf dem Fuße wie der Abpfiff des Schiedsrichters nach 90 Minuten plus Nachspielzeit. Beispiele gefällig? »Wenn ein Spieler schwul ist, ist er trotzdem mein Mannschaftskollege, und für mich würde sich im Umgang mit ihm nichts ändern«, hatte Philipp Lahm einmal dem schwulen Lifestyle-Magazin Front Ende des Jahres 2007 gesagt und ergänzt: »Ich registriere das nicht, für mich geht es darum, welche Ansichten jemand hat und ob er sich vernünftig verhält. Ich lebe gerne in einer liberalen, offenen Gesellschaft, in der ein tolerantes Miteinander ohne diskriminierende Vorurteile möglich ist.« Dreieinhalb Jahre später erschien Lahms Buch ›Der feine Unterschied‹, in dem der Kapitän des FC Bayern und der deutschen Nationalmannschaft ausdrücklichen Wert auf die Feststellung legt, keineswegs homosexuell zu sein, und in dem er darüber hinaus behauptet, zum Umzug genötigt gewesen zu sein, nachdem ihm ein Mann vor seiner Haustür gestanden habe, sich in ihn verliebt zu haben. Und den ehemaligen Hertha-Kicker Arne Friedrich, deutscher Nationalspieler wie Lahm, störte die Tatsache, dass beim Googeln seines Namens als erster Ergänzungsbegriff das Wort ›schwul‹ angeboten wird, so sehr, dass er seine Lebensgefährtin kürzlich in einem offenen Brief an die Bild-Zeitung versichern ließ, die gemischtgeschlechtliche Liebe zu bevorzugen.

Auch beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) wird so ziemlich jede Aktivität gegen die Homophobie postwendend durch mindestens unglückliche, oft sogar unnötige und schädliche Äußerungen konterkariert. Zwar hat sein Präsident Theo Zwanziger, anders als dessen Amtsvorgänger, der Schwulenfeindlichkeit so engagiert wie öffentlich den Kampf angesagt. Doch sowohl sein eigenes, fragwürdiges Krisenmanagement im Streit um die Affäre zwischen dem (ehemaligen) Schiedsrichter-Funktionär Manfred Amerell und dem Unparteiischen Michael Kempter als auch die befremdliche Reaktion des Nationalmannschafts-Managers Oliver Bierhoff auf einen ARD-Tatort, in dem es um einen schwulen Profi ging, waren herbe Rückschläge. Überdies scheinen sich die Vereine, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, einfach nicht dazu entschließen zu können, ihrerseits entschlossen gegen die Homophobie einzutreten. Noch immer ist der Fußball also »eines der letzten heterosexuellen Milieus«, wie die FAZ im Februar 2008 feststellte: »Niemand, der sagt: Ich bin schwul, und das ist auch gut so«, wie es Klaus Wowereit, Berlins Regierender Bürgermeister, im Juni 2001 auf einem Parteitag der Hauptstadt-SPD tat. »Auch Moderatorinnen, Schauspieler oder Modeschöpfer haben sich in den letzten Jahren zu ihrer Homosexualität bekannt. Ganz offensichtlich aber ist der Fußball in dieser Beziehung kein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung.«

Dies zu ändern, sind in den letzten Jahren viele Fan-Initiativen und Einzelpersonen nicht nur aus dem Bereich des Fußballs angetreten. Und nun haben sich zahlreiche Sportblogger in der Aktion Libero zusammengeschlossen, der auch Lizas Welt angehört. Sie alle gehen auf ihren Blogs heute, am 16. November 2011, mit einer gemeinsamen Erklärung an die Öffentlichkeit (siehe unten) und präsentieren zudem eine gemeinsame Website, auf der die Hintergründe und genauen Inhalte der Aktion ausführlich dargelegt, Stimmen von Unterstützern versammelt sowie weiterführende Texte und Links angeboten werden. Ein Support – in welcher Form auch immer – ist ausdrücklich erwünscht.

AKTION LIBERO – SPORTBLOGS GEGEN HOMOPHOBIE IM FUSSBALL

Ein Spiel dauert neunzig Minuten. Zumindest im besten Fall, für schwule Profifußballer dauert das Versteckspiel ein Leben lang: Keiner wagt es, seine Homosexualität offen zu leben. So schön Fußball auch ist – Ressentiments halten sich in seinem Umfeld hartnäckig.

Ein unerträglicher Zustand! Ob jemand schwul ist, oder rund, oder grün, das darf keine Rolle spielen. Wir alle sollten ein bisschen besser aufpassen – auf unsere Worte, unser Denken, unsere Taten: Die Freiheit jedes Einzelnen ist immer auch die eigene Freiheit.

Wir schreiben in unseren Blogs über Sport, und unsere Haltung ist eindeutig:

Wir sind gegen Homophobie. Auch im Fußball.

Tipp zum Weiterlesen: Dirk Leibfried/Andreas Erb: Das Schweigen der Männer. Homosexualität im deutschen Fußball. Göttingen (Verlag Die Werkstatt) 2011, 176 Seiten, 12,90 Euro.

Offensive der Heteros

Drei Worte sind es. Drei Worte bloß, und doch kommen sie vielen nur schwer über die Lippen, ganz besonders im Fußball: »Ich bin heterosexuell.« Wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, wahrscheinlich musste nur einer den Anfang machen. Und es ist zweifellos kein Zufall, dass gerade der Bundestrainer im April dieses Jahres mit gutem Beispiel voranging und sich deutlich dazu bekannte (»Fragen Sie meine Frau«), mehr Interesse am anderen Geschlecht zu haben als am eigenen. Denn Joachim Löw, der mit der Nationalmannschaft die Fans verzaubert, musste wohl am wenigsten befürchten, durch die Balkenpresse gezogen, im Stadion verhöhnt und von seinen Spielern gemieden zu werden – oder gar seinen Job zu verlieren. Fast noch weiter ging anschließend Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff, der die Behauptung, ein erklecklicher Teil der Nationalspieler bevorzuge entgegen anders lautenden Gerüchten doch die gleichgeschlechtliche Liebe, als »Angriff auf meine Familie« bezeichnete. Da konnte und wollte auch die Bild-Zeitung nicht nachstehen; sie hatte gar eine »homosexuelle Verschwörung« gegen die Minderheit der heterosexuellen Kicker entdeckt. Den Stein ins Rollen gebracht hatte aber vermutlich der Ballack-Berater Michael Becker, als er der Deutschen liebstes Kind eine »Schwulencombo« nannte. Ein stärkeres Statement gegen das, was die Genderforschung »Homonormativität« nennt, ist kaum denkbar.

Auf Becker, Löw, Bierhoff und die Bild-Zeitung folgte Philipp Lahm, der in seinem Buch mit dem vielsagenden Titel ›Der feine Unterschied‹ ein flammendes Plädoyer für die Heterosexualität hielt und deutlich machte, wie sehr er sich von schwulen Groupies belästigt fühlt. Dass die Medien Lahms Kritik an Völler, Klinsmann & Co. dennoch stärker in den Mittelpunkt rückten als sein Bekenntnis zur Frauenliebe, ist im Grunde genommen nur damit zu erklären, dass jenseits aller Toleranzversicherungen immer noch eine gewisse Beklemmung vorherrscht, sobald sich Menschen als heterosexuell outen. Doch Arne Friedrich (Foto oben) ließ sich davon nicht beeindrucken. Vielmehr bekannte auch er, der Nationalspieler im Wartestand, sich nun öffentlich zu seiner sexuellen Neigung; ja, er behauptete gar ungewohnt angriffslustig: »Ich habe keinen Spieler erlebt, von dem ich überhaupt meinen könnte, dass der schwul ist, aber wenn es so sein sollte, wäre das auch okay.« Ihm zur Seite sprang seine Freundin Linn Rödenbeck, die in einem offenen Brief an die Bild-Zeitung – zweifellos das Flaggschiff in Sachen Hetero-Offensive – schrieb: »Ich habe keine Lust, irgendetwas zu rechtfertigen. Aber scheinbar« – genauer gesagt: anscheinend – »muss es einmal schwarz auf weiß stehen. Und vorab eine Entschuldigung an alle, die nun aus allen Wolken fallen. Nein, Arne ist nicht schwul.«

Eigentlich ist es ja bedauerlich, dass solche Statements noch immer nötig sind. Deutschland hat eine heterosexuelle Bundeskanzlerin, und mit Ausnahme von Berlin – wo der störrische Klaus Wowereit sein Schwulsein noch immer mit einem ermüdenden Und-das-ist-auch-gut-so kommentiert – werden alle Bundesländer von heterosexuellen Ministerpräsidenten respektive Regierenden Bürgermeistern geführt. Auch im Bereich der Musik, des Films und des Theaters finden sich viele Männer, die Frauen lieben, und Frauen, die Männer lieben. Doch im Fußball gehen die Uhren offenbar weiterhin anders – und vor allem: langsamer. Dort ist es noch längst nicht selbstverständlich, Heterosexualität nicht als Krankheit anzusehen, sondern als gleichberechtigte Lebensform – und vor allem als Privatsache, die, ginge alles mit rechten Dingen zu, nicht der Rede wert sein sollte. Und deshalb kann man nicht ausschließen, dass Arne Friedrich – sollte er denn einen neuen Verein finden – im Stadion künftig zur Melodie des Beatles-Hits ›Yellow Submarine‹ mit Schmähgesängen wie »Arne Friedrich ist heterosexuell, heterosexuell, heterosexuell« bedacht wird. Gerade deshalb ist sein Schritt so mutig und verdient allergrößten Respekt.

Ein herzliches Dankeschön an die Betreiber des Weblogs Gay West für die Inspiration. Und ein Hinweis auf den formidablen Text des wundervollen Frédéric Valin, Der Stock im Arsch – fünf Anmerkungen zu Arne Friedrichs Anti-Outing, veröffentlicht auf dem Weblog Zum Blonden Engel.

Liberté!

Seit heute ist es nicht mehr nur eine Forderung: Gilad Schalit ist frei!

Foto: © Franklin D. Rosenfeld.

Wäre alles so gelaufen, wie die Schwarzen Ratten/Tupamaros Westberlin es sich vorgestellt hatten, dann wäre am 9. November 1969, dem 31. Jahrestag der Pogromnacht von 1938, im jüdischen Gemeindezentrum Westberlins eine Bombe detoniert. Doch dummerweise versagte der Zünder, weshalb der Sprengsatz keinen Schaden anrichtete – jedenfalls keinen materiellen. Das Bekennerschreiben der Stadtguerilleros wurde ungeachtet dessen veröffentlicht. In ihm hieß es, „die Kristallnacht“ werde „heute täglich von den Zionisten in den besetzten Gebieten“ an den Palästinensern „wiederholt“; aus den „vom Faschismus vertriebenen Juden“ seien „selbst Faschisten geworden, die in Kollaboration mit dem amerikanischen Kapital das palästinensische Volk ausradieren wollen“. Antisemitisch war das natürlich nicht, sondern bloß judenkritisch, so, wie die Beteiligung von Politikern der Linkspartei an Schiffsflotten zum Zwecke der Unterstützung von Hamas & Co. nicht antisemitisch ist, sondern lediglich israelkritisch. Schließlich ist ein linker Antisemitismus „unmöglich“, wie der (linke und deshalb zu einem Urteil besonders berufene) Schriftsteller Gerhard Zwerenz schon 1976 wusste.

Gegen Juden (respektive ihre Einrichtungen) gerichtete, militante linksradikale Aktivitäten wie jene der Berliner Freiheitskämpfer vor 42 Jahren sind hierzulande zwar etwas aus der Mode gekommen – nicht zuletzt deshalb, weil sich die Zionisten und ihre deutschen Helfershelfer, darunter manch linker Abweichler, mit der Antisemitismuskeule bewaffnet haben und blindlings auf alles eindreschen, was sich nicht sofort unterwirft. Doch es gibt sie noch, die Aufrechten und Unbeugsamen, beispielsweise in Hamburg. Dort versammeln sie sich am – jawohl! – 9. November dieses Jahres in einem Etablissement mit dem schönen Namen Kaffeewelt, um über die „Antisemitismus-Falle“ zu diskutieren, genauer: über „die Funktion eines ungeheuerlichen Vorwurfs innerhalb der Partei Die Linke und gegen sie“. Und das Podium ist fürwahr hochkarätig besetzt: Arnold Schölzel, der Chefredakteur der stets widerständischen Tageszeitung junge Welt, wird es genauso bereichern wie Susann Witt-Stahl, eine Journalistin, die vor allem zwei Arten von Faschismus bekämpft: den Fleischkonsum und die Parteinahme für Israel. Moderiert wird der Abend vom allzeit wackeren Thomas Immanuel Steinberg, der auf seiner Heimatseite unter anderem eine Selektion in „Kriegsjuden“ und „Friedensjuden“ vornimmt und sich im Übrigen durchaus vorstellen kann, dass die Bezeichnung „Antisemit“ einmal zu einem „Ehrentitel“ wird.

Außerdem: Ist nicht auch die SA damals, am 9. November 1938, in die Antisemitismus-Falle getappt – aufgestellt von Juden, die absichtlich tatenlos zusahen, wie ihre Synagogen, Geschäfte und Wohnhäuser abgefackelt wurden, weil sie wussten, dass es bald einen jüdischen Staat geben würde, und sich deshalb schon einmal moralisch bewaffneten, um später ungestraft das palästinensische Volk ausradieren zu können? Das wird man doch wohl noch fragen dürfen! Den Schölzel, den Steinberg und die Witt-Stahl zum Beispiel. Darüber hinaus könnte man ihnen in der Kaffeewelt gleich noch ein paar Vorschläge für weitere Veranstaltungen unterbreiten: Warum nicht bevorzugt am 27. Januar darüber debattieren, dass Auschwitz zwar befreit wurde, die Palästinenser dafür jedoch im aktuell größten KZ der Welt dahinvegetieren müssen? Und warum nicht gerade am 8. Mai darüber räsonieren, dass die deutschen Nazis zwar kapituliert haben, die israelischen aber weiterhin ihren Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führen können? Ungeheuerlich ist schließlich nur der Vorwurf an die Linke, antisemitisch zu sein – denn sie zeigt äußerstenfalls „zu viel Leidenschaft bei der Kritik an Israel“. Das hat übrigens Gregor Gysi gesagt. Ob der deshalb ein Kriegs- oder ein Friedensjude ist, kann Thomas Immanuel Steinberg gewiss gewohnt kompetent einschätzen.


Was hat eigentlich die selbsternannte „Wahrheitsbewegung“ am zehnten Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 so alles getrieben? Christian Kohn und Patrick Pilarek haben sich die Aktivitäten der „Truther“ in Karlsruhe und Leipzig angeschaut. Hier ist ihr Bericht.


VON CHRISTIAN KOHN UND PATRICK PILAREK


„Für die Opfer und die Wahrheit“ – wer kann dagegen etwas einwenden? Etwa 400 Menschen folgen am 10. September 2011 in Karlsruhe einem Aufruf des „Stammtischs Alles Schall und Rauch/Infokrieg“, um zehn Jahre nach den Anschlägen in New York und Washington der „Opfer zu gedenken“ und eine neue Untersuchung der Ereignisse zu fordern. Als terroristische Anschläge, geplant und begangen von islamistischen Attentätern, würden die wenigsten Anwesenden die Angriffe auf das World Trade Center und das Pentagon bezeichnen – vielmehr ist auf Flugblättern und Transparenten von einem „inside job“ die Rede. Mehr als eine Marionettenfunktion in einer Intrige westlicher Geheimdienste traut die „Wahrheitsbewegung“, die sich an diesem sommerlichen Samstagnachmittag zusammenfindet, al-Qaida und Osama bin Laden nicht zu. Entsprechend pragmatisch wird der erste Teil des Aufrufs abgehandelt: Nach einer kurzen Trauerminute ist das Gedenken abgeschlossen und macht Platz für kreative Gedankenspiele über die Bösartigkeit der USA. Gewidmet wird die Trauerminute übrigens sowohl den Opfern von 9/11 als auch den Toten der Kriege im Irak und in Afghanistan. 3.000 tote Amerikaner, die zudem auf das Konto der eigenen Regierung gehen, machen hier niemanden betroffen.

Es ist ein erstaunlich breites Gesellschaftspanorama, das sich am Treffpunkt der Kundgebung entfaltet: jugendliche Hacker mit Anti-Überwachungs-Outfit, altgediente Gegner des Imperialismus, die zielsicher die Rolle zionistischer Agententätigkeiten im Zuge von 9/11 benennen können; spirituelle Kritiker des westlichen Lebensstils, zum Islam konvertierte Wahrheitssucher und Hobby-Architekten, die anhand von Berechnungen der Fallgeschwindigkeit der WTC-Türme das Lügengebäude der US-Regierung zum Einsturz bringen. „Hier gibt es Leute, die haben früher mal die CDU, die SPD, die FDP, die Grünen, die Linken oder die Rechten gewählt“, erläutert Andreas Schenk, der Pressesprecher der Organisatoren. Etablierte und Marginalisierte, Kleinbürger und die letzten Aufrechten von der antiimperialistischen Front – sie eint die Überzeugung, dass wir alle einem großen Betrug aufsitzen, den „die Herrschenden“ zum Zwecke allgemeiner Verdummung und eigener Bereicherung veranstalten.

Dennoch wäre es falsch, die „Wahrheitsbewegung“ als einheitliches Phänomen zu begreifen. Die heterogenen politischen und sozialen Herkünfte der Wahrheitsbewegten sorgen für eine kuriose Vielzahl von Themen, die in einschlägigen Blogs und auf den verteilten Flugblättern mitverhandelt werden: Während es den einen vor allem um das Leid deutscher Soldaten geht, die in Afghanistan für die „Lüge von den Teppichmesserterroristen“ den Kopf hinhalten müssen, sorgen sich die anderen um RFID-Chips, die angeblich zur Vorbereitung eines Genozids jedem Menschen implantiert werden sollen; einige Aktivisten arbeiten an der Entlarvung der „Klimalüge“, und wieder andere kämpfen für die „Wiederherstellung des Bankgeheimnisses“. Zum geteilten Glauben an eine Verschwörung mächtiger Kreise kommt ein handfester Antiamerikanismus: „US-Terror weltweit“ steht auf einem Transparent auf dem Demowagen an der Spitze – der auf Hochglanz polierte Ford-Pick-Up dürfte übrigens an diesem Tag das einzige, unfreiwillig pro-amerikanische Statement gewesen sein.

Das zweite Anliegen des Tages – die Wahrheit – ist im Aufruf zur Demonstration als Forderung nach einer „unabhängigen Untersuchung“ von 9/11 formuliert. Von dieser Wortwahl inspiriert, liefern lokale und regionale Medien, etwa der öffentlich-rechtliche SWR, wohlwollende Berichte zu der Veranstaltung. Die mehr als eindeutig im Raum stehende Unterstellung, die US-Regierung habe Tausende ihrer eigenen Bürger geopfert, um die Kriege in Afghanistan und im Irak vom Zaun brechen zu können, wird geflissentlich ausgeblendet. Das Motto lautet offensichtlich: Man wird ja wohl mal fragen dürfen – nach angeblichen Sprengstoffresten in den Trümmern etwa oder nach zu geringen Schäden am Pentagon. Warum verzog Bush keine Miene, als er informiert wurde – wussten er und seine Leute vielleicht doch schon vorher Bescheid?

Dass die vermeintlichen Aufklärer ihre Wahrheit samt Verantwortlichen längst kennen, geht allerdings den wenigsten Berichterstattern auf. Dabei bleibt von der Zurückhaltung des Aufruftextes auf der Demonstration nicht viel übrig – bereits das Fronttransparent verrät: „9/11 was an inside job“. Auch eine Teilnehmerin mit Palästina-Fahne macht zumindest aus ihrem Herzen keine Mördergrube: „Die Profiteure der neuen Weltordnung“ seien die Drahtzieher hinter den Anschlägen, also „die Zionisten“, die der Öffentlichkeit seit Jahren „die Araber“ als Feindbild verkauften. Dass Manifestationen des Antiamerikanismus und kruder Verschwörungsthesen als Trauer- und Aufklärungsveranstaltungen durchgehen, verrät viel über die Reichweite solcher Ideologien. Ungewollt komisch ist einzig, dass auf einem Flugblatt Charlie Sheen als „prominenter Skeptiker“ zur eigenen Erbauung herangezogen wird – eine durchaus treffende Wahl, ist der aufgrund seiner Drogeneskapaden beim Boulevard gefeierte US-Schauspieler doch in seinen besten Moment ähnlich zurechnungsfähig.

Als Stimme der Vernunft in diesem trüben Szenario agiert kurzzeitig lediglich ein aufgebrachter Passant, der einem Redner ins Wort fällt und vorschlägt, sich darüber zu freuen, dass „noch jemand was gegen die Gangster von al-Qaida“ unternimmt. Doch er enttäuscht die Hoffnung auf tatkräftige Kritik: Er beschimpft die Demonstranten nicht nur als „Verrückte“ und „Idioten“, sondern auch als „Kommunisten“, für die er sie offenbar hält. Man kann den Teilnehmern an diesem Aufzug vieles vorwerfen, doch mit der Idee einer solidarischen, vernünftig eingerichteten Weltgesellschaft haben sie nun wirklich nichts am Hut. Was nicht heißen soll, dass sie sich über politische und ökonomische Fragen keine Gedanken machten.

Grundkonsens der Bewegung sei die Wahrnehmung, so Pressesprecher Schenk, dass die Demokratie „nicht mehr für das Volk, sondern für die etablierten Parteien gemacht wird“. Als Ausweg schwebt den Teilnehmern eine Schwundform direkter Demokratie vor, die kaum verhehlen kann, mit Blick auf das eigene Konto entstanden zu sein. Denn in zahlreichen Flugblättern wird neben den Verschwörungstheorien über 9/11 wie selbstverständlich die aktuelle Euro-Krise diskutiert. Hier kommen die Sparer und Kleinbürger der Wahrheitsbewegung, die um ihre Einlagen bei der Sparkasse fürchten, zu sich selbst: Keinen Cent sollen die faulen Griechen von ihren Steuern bekommen – wegen der Demokratie, versteht sich, denn bevor irgendeine Regierung so etwas entscheidet, wollen sie erst mal selbst befragt werden.

Zum zehnten Jahrestag von 9/11 haben die Veranstalter einige Prominenz mit Verschwörungsexpertise in die badische Provinz gebracht: Hauptredner Christoph Hörstel, ehemaliger ARD-Korrespondent und früheres Beiratsmitglied der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, breitet seine Sicht der Dinge aus: Der elfte September sei ein „Massenmord“ gewesen, „verübt durch amerikanische Dienststellen mit willigen Leuten von außerhalb“. Überhaupt lügen die Amis, wo es nur geht – das haben auch Hörstels „Freunde von Rechts“ bereits durchschaut. Zuletzt, so Hörstel, als sie sich von der Nato einen „Freibrief zum Massenmord in Libyen“ hätten ausstellen lassen, weil der mittlerweile gestürzte Diktator Gaddafi sich vom US-Dollar habe lösen wollen. Und auch Deutschland sei ein Opfer amerikanischer Fremdbestimmung: „Es wird im Reichstag nur abgestimmt, was Washington genehmigt.“ Gewiefte Verschwörungstheoretiker sind keine Freunde kleiner Thesen.

Die HipHop-Combo „Die Bandbreite“ hat bereits im Vorfeld die Demonstration beworben und unterhält nun die versammelte Wahrheitsgemeinde auf der Abschlusskundgebung. In ihren musikalischen Beiträgen figurieren die US-Amerikaner ebenfalls als notorische Lügner, die schon in Pearl Harbor ihre „eigenen Leute geopfert“ hätten, um endlich in den Zweiten Weltkrieg eingreifen zu können. Zu den Ereignissen vom elften September überlegen die HipHopper in ihrem bekanntesten Song: „Habt ihr das vielleicht selbst gemacht? Den Terror selber in die Welt gebracht?“ Man wird ja wohl mal fragen dürfen. So sehen das vermutlich auch die Vertreter von Gewerkschaften und globalisierungskritischen NGOs, auf deren Veranstaltungen „Die Bandbreite“ regelmäßig auftritt.

Hörstel und „Die Bandbreite“ verbindet neben ihrem gemeinsamen Einsatz für die Wahrheit die Nähe zu einem weiteren verdienstvollen Vertreter des Verschwörungswesens, nämlich dem Gründer der „Volksinitiative gegen das internationale Finanzkapital“, Jürgen Elsässer. Was macht der eigentlich an so einem Tag? Er befindet sich auf einem Podium in Leipzig, um die wahren Drahtzieher und Mitwisser von 9/11 zu entlarven. Die von ihm initiierte „Fachkonferenz Inside 9/11“ bietet allerdings wenig Neues auf dem Gebiet verschwörungstheoretischer Erkenntnisse rund um die Anschläge auf das WTC. Dabei hatte die Ankündigung „neues Insiderwissen“ versprochen; man wolle sogar „auf eigene Faust“ und „ohne staatliche Unterstützung“ weiterermitteln, wie es in einem Nachgang zur Konferenz auf der „Truther“-Seite „infokrieg.tv“ zu lesen ist. Wer sich derart von staatlicher Alimentierung abgrenzen muss, um nicht Gefahr zu laufen, als ein von der Regierung bezahlter Büttel angesehen zu werden, muss auf andere Weise an sein Geld kommen. Vielleicht sind deswegen die Preise für Tickets an der Tageskasse (60 Euro regulär, 40 Euro ermäßigt) so hoch – aber es geht ja schließlich um die Wahrheit, da wird der Wahrheitsbewegte doch nicht an der falschen Stelle sparen wollen.

Das hochkarätig besetzte Podium weiß das Publikum – Klischee-Nerds, friedensbewegte Altlinke, ein paar wenige Migranten und Ottonormalverbraucher – auf seiner Seite. Beiderseits der Referententische zieht man längst bekannte verschwörungstheoretische Gedankengebilde und abgestandene Argumentationsmuster dem angekündigten „Insiderwissen“ vor. Elsässers Eröffnungsreferat gibt den Ton vor: 9/11 sei die „Mutter aller Lügen“ gewesen, und deren Vater sei – nein, nicht George W. Bush, sondern dessen ehemaliger Vize, Dick Cheney. Er und eine Gruppe bekannter Neocons wie Paul Wolfowitz gehörten zum Kopf einer Verschwörung, mit der Bush und die unwissenden Teile der Regierung unter Druck gesetzt werden sollten, um die Interessen dieser kleinen Elite und deren „Idee des Globalismus“ durchzusetzen: Regime Change im gesamten Nahen Osten, imperialistische Machtpolitik zur Unterdrückung und Ausbeutung der arabischen Völker und Nutzung des dadurch entstehenden Machtspielraums – natürlich alles in Zusammenarbeit mit den Israelis, die an der Ausarbeitung dieser Machenschaften beteiligt gewesen seien.

Neben dem gastgebenden Jürgen Elsässer sprechen unter anderem der Ex-Focus Money-Journalist Oliver Janich über die fünf Minuten, „die die wahren Attentäter entlarven“, Jan Gaspard, der klären will, warum das dritte WTC-Gebäude eigentlich gar nicht hätte einstürzen dürfen, und Paul Schreyer, Hansdampf in allen verschwörungstheoretischen Sackgassen zu 9/11. Auch Alexander Benesch, ein selbsternannter „Investigativjournalist“ mit Affinität zu den absurdesten Spinnereien, der auf seiner Website „infokrieg.tv“ auch gerne gegen Linke, Pädophile und Juden „berichterstattet“, darf sich ausbreiten – zwar weniger über 9/11, dafür aber über das Utøya-Massaker und „den Plan Breiviks und der angloamerikanischen Oligarchie, die Konservativen Europas auf einen selbstzerstörerischen Kriegskurs zu bringen“. Fehlt eigentlich nur noch Charlie Sheen.

Dieser Unsinn bildet den Tenor einer Konferenz, deren Macher anscheinend sehr genau um den Stellenwert ihres „Enthüllungsjournalismus“ innerhalb des gesellschaftlichen Zeitgeistes wissen. Wer jedenfalls bewusst die unheimliche Fülle an „kritischen“ Dokumentationen und „skeptischen“ Nachfragen am zehnten Jahrestag der islamistischen Anschläge unter die Lupe nimmt, kann sehen, dass derlei Wahnvorstellungen mittlerweile tatsächlich im Mainstream angekommen sind. Das bemüht seriöse und sachliche Auftreten der meisten Redner der Leipziger 9/11-Konferenz legt Zeugnis darüber ab, dass man – wohl zu Recht – nicht nur paranoide Antiimperialisten, Hacker und notorische Feinde Amerikas unter den eigenen Adressaten vermutet, sondern auch gemeine Konsumenten der Tagesschau und besorgte Steuerzahler, die keine Bundeswehreinsätze für Dick Cheneys vermeintliche Interessen finanzieren wollen.

Wer sich nun aus welchem Grund wogegen verschworen hat, kann zwar auch das hoch dotierte Leipziger Podium nicht abschließend klären, doch darum geht es wohl auch nicht. Wichtiger ist, dass man das ganze Elend – das global agierende Finanzkapital, den „Globalismus“ oder die „oligarchische Machtergreifung“ – jemandem anlasten kann. Hinter den Kulissen jedenfalls vollzieht sich eine Verschwörung, die man – auch auf dieser Konferenz – nicht explizit als jüdisch definieren muss, um genau so verstanden zu werden.

Die Ideologie des „schnöden Mammons“ gelte es zu bekämpfen, so Elsässer in seinem Abschlussstatement – am besten mit vereinten Kräften: „Es gibt den linken Widerstand, es gibt den rechten Widerstand, und es gibt den religiösen Widerstand gegen die Globalisierung. [...] Diese drei Widerstandsströmungen zusammen könnten die Globalisierung stoppen. Aber im Augenblick ist es nicht so. Weil die Linken mögen die Rechten nicht. Und die Rechten mögen die Linken nicht. Die Linken mögen die Katholiken nicht, und die Rechten mögen die Muslime nicht. Das muss aufhören, wenn wir dem Globalismus tatsächlich etwas entgegensetzen wollen.“ Elsässer formuliert damit den Querfrontgedanken auf der Höhe der Zeit und am passenden Ort; er ist auf seiner Reise nach ganz Rechts am Ziel angekommen.

Sämtliche Fotos (© Patrick Pilarek) wurden auf der eingangs erwähnten Demonstration am 10. September 2011 in Karlsruhe aufgenommen. Für eine größere Ansicht bitte auf die Bilder klicken.

Keine Abordnung der lokalen Stadtreinigungsbetriebe, sondern Bescheidwisser par excellence: Amerika, dich hasst sich’s besser.

Der Wahnsinn, wenn er epidemisch wird, heißt Vernunft (Oskar Panizza).

Frag nach bei den Taliban.

Malen nach Zahlen für „Truther“.

Der Hass auf die Freiheit

Nine-Eleven und der Furor gegen den Individualismus – drei Thesen. Dokumentation eines Vortrags von Tilman Tarach, gehalten im Rahmen der Freiburger Thementage Antisemitismus am 10. September 2011 und hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors.


VON TILMAN TARACH


I.

Nicht nur Osama bin Laden und seine heimlichen sowie offenen Sympathisanten sehnten sich die Zerstörung New Yorks herbei. Schon über Adolf Hitler schrieb Albert Speer in seinen Spandauer Tagebüchern: „Ich erinnere mich, wie er sich in der Reichskanzlei Filme vom brennenden London, vom Feuermeer über Warschau, von explodierenden Geleitzügen vorführen ließ und welche Gier ihn dann jedes Mal erfasste. Nie aber habe ich ihn so außer sich gesehen wie gegen Ende des Krieges, als er wie in einem Delirium sich und uns den Untergang New Yorks in Flammenstürmen ausmalte. Er beschrieb, wie sich die Wolkenkratzer in riesige, brennende Fackeln verwandelten, wie sie durcheinander stürzten, wie der Widerschein der berstenden Stadt am dunklen Himmel stand, und er meinte, wie aus einer Ekstase zurückfindend, Saur solle den Entwurf Messerschmidts für einen vierstrahligen Fernbomber sofort in die Wirklichkeit umsetzen.“ [1]

Nun ist Speer zwar ein zweifelhafter Zeuge, aber es existiert auch eine Karte aus dem Jahr 1944, die einen deutschen Angriff auf Manhattan und die zu erwartenden Zerstörungen skizziert. [2] Das Zitat und die Karte erinnern in geradezu unheimlicher Weise an 9/11, und in der Tat kann der Angriff auf die Twin Towers als späte Erfüllung eines leidenschaftlichen nationalsozialistischen Wunsches verstanden werden. Allerdings wird die ideologische Nähe der Attentäter von 9/11 zum Nationalsozialismus weitgehend geleugnet.

Osama bin Laden hatte sich schon in seiner Schulzeit der Muslimbruderschaft angeschlossen, deren Gründer Hassan al-Banna ein glühender Bewunderer Mussolinis und Hitlers war, die „ihre Völker zu Einheit, Ordnung, Erneuerung, Macht und Ruhm“ geführt hätten. Auch von Hitlers Rundfunkreden und den Deutschen war al-Banna begeistert, wohingegen er die „Verwestlichung“ und „Verweichlichung“ der Ägypter kritisierte, die leider von einer „Liebe zum weltzugewandten Leben und einem Hass auf den Tod“ erfasst worden seien. [3]

Die Parole „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“ ist bekannt geworden durch die Madrid-Attentäter aus dem Jahr 2004, in Wahrheit jedoch gehört sie zum Standardrepertoire der antiwestlichen islamistischen Verlautbarungen. Bin Laden äußerte sich schon 1996 in einer an die Amerikaner gerichteten Fatwa wie folgt über seine jungen Anhänger: „Diese jungen Männer lieben den Tod, so wie ihr das Leben liebt.“ [4] Dass insbesondere die Juden „eher das Leben lieben“, wohingegen „wir“ – die Palästinenser – „eher den Tod lieben“, hört man in den palästinensischen Gebieten mitunter von ganz normalen Bewohnern (auch Ulrich W. Sahm berichtet dies), und auch verschiedene hochrangige Hamas-Vertreter gaben Ähnliches bereits zum Besten, etwa Fathi Hamad und Ismail Haniya.

Der wichtigste geistige Pate bin Ladens war der Ägypter Sayyid Qutb, einer der bedeutendsten islamistischen Theoretiker der Muslimbruderschaft. In seinem 1950 veröffentlichter Aufsatz Unser Kampf mit den Juden schrieb Qutb beispielsweise: „Allah hat Hitler gebracht, um über sie zu herrschen; [...] und Allah möge (wieder) Leute schicken, um den Juden die schlimmste Art der Strafe zu verpassen; damit wird er sein eindeutiges Versprechen erfüllen.“

Was nun Osama bin Laden betrifft, so haben sich weite Teile der europäischen Gesellschaft noch nicht einmal zu dem sprichwörtlichen schrecklichen Verdacht durchgerungen, er könnte etwas gegen Juden gehabt haben. Der diesbezügliche, ziemlich ausführliche deutsche Wikipedia-Eintrag beispielsweise erwähnt dessen Antisemitismus mit keiner Silbe, obwohl er in bin Ladens Ideologie eine zentrale Stellung einnahm und seine Texte vor antisemitischer Hetze nur so strotzen. „Der jüdische Feind ist der Aggressor, der Verderber der Religion und der Welt“, erklärte er 1994; ein Jahr später bezeichnete er die „Palästinafrage“ als „die Mutter aller muslimischen Anliegen“. Im November 2001 sagte er in einer Video-Botschaft: „Wie sollen die armen Mütter von Palästina ertragen, dass ihre Kinder vor ihren Augen den Unterdrückern, den jüdischen Polizisten zum Opfer fallen, mit der Unterstützung der USA, mit Flugzeugen und Panzern der USA? Wer zwischen Amerika und Israel unterscheidet, ist der wahre Feind der Umma.“ Und in seinem „Brief an Amerika“ vom November 2002 schrieb er: „Euer Gesetz ist das Gesetz der Reichen und Mächtigen, die in ihren Parteien Hof halten und Wahlkampagnen durch ihre Geschenke finanzieren. Hinter ihnen stehen die Juden, die eure Politik, eure Medien und eure Wirtschaft kontrollieren.“ (Auch dies könnte aus der Feder der Nationalsozialisten stammen, die ja hinter den Alliierten ebenfalls nur Juden sahen.) In seinem Brief „an die Völker Europas“ schließlich erklärte bin Laden im April 2004: „Präsident Bush und die anderen Regierungsvorsitzenden, die großen Medienkonzerne, die Vereinten Nationen, die zwischen den militärischen Führern und der mächtigen Generalversammlung ihre Gesetze erlassen – sie alle sind nur Agenten der Täuschung und Ausbeutung. Diese und andere Gruppen sind eine tödliche Gefahr für die gesamte Welt, und die gefährlichste und komplexeste ist die Lobby der Zionisten.“ [5]

Personen aus dem Hamburger Umfeld von Mohammed Atta, dem wohl bedeutendsten der 19 Attentäter des 11. September, attestierten diesem unumwunden ein „nationalsozialistisches Weltbild“. Die Juden waren für ihn die „Strippenzieher der Medien, der Wirtschaft, der Politik“, und natürlich steckten sie auch hinter den Kriegen am Golf, auf dem Balkan, in Tschetschenien und so weiter. Atta wünschte sich einen Gottesstaat vom Nil bis zum Euphrat, das heißt: die Zerstörung Israels. Die Juden, so Atta, wollten letztlich den Islam ausrotten, und das „Zentrum des Weltjudentums“ befinde sich in New York. [6] Schon Abdul Rahman Yasin, der am 1993er-Anschlag auf die Twin Towers beteiligt war, hatte sich in den Wahn hineingesteigert, die Mehrzahl der im World Trade Center arbeitenden Menschen seien Juden.

Gleichwohl erntet man insbesondere innerhalb großer Teile der politischen Linken bestenfalls Kopfschütteln, wenn man den antisemitischen Charakter von 9/11 benennt; nicht selten wird ein solcher Hinweis gar empört zurückgewiesen, als Denunziation des wackeren Kämpfers Osama bin Laden nämlich, der doch zumindest „objektiv“ als Antiimperialist zu gelten habe. Das antisemitische Weltbild der Täter wird also verleugnet oder verharmlost – so wie insbesondere die politische Linke in der Weimarer Republik den Antisemitismus der Nazis allzu leichtfertig bagatellisiert hatte (als „Nebenwiderspruch“ beispielsweise). Und die Interviews bin Ladens sowie die sonstigen antisemitischen Äußerungen der Gotteskrieger werden kaum zur Kenntnis genommen, so wie in der Weimarer Zeit die Europäer einschließlich der Linken es kaum für nötig befanden, Mein Kampf zu lesen und zu skandalisieren.


II.

Der Hassschwerpunkt aller Antisemiten ist gegen die Idee der Emanzipation des Individuums von den Zwängen der Natur und vor allem der Gesellschaft gerichtet; Judenfeinde sind stets Feinde der individuellen Freiheit und der Geistes. Nicht das Subjekt mit all seinen Bedürfnissen steht im Vordergrund, sondern ein religiöses oder nationales Kollektiv: Was früher die Christenheit war, ist heute die Umma oder die mit der Scholle verwachsene, gleichsam naturwüchsige Volksgemeinschaft. Das zeigt sich auch an den gängigen antizionistischen Parolen: Es ist eher selten die Rede von der „Freiheit für die Palästinenser“, weitaus häufiger wird die „Freiheit für das palästinensische Volk“ gefordert. Antisemiten sind geprägt von der Angst vor dem Verlust der Nestwärme der eigenen Gemeinschaft, von der Angst vor der Freiheit und der mit der Freiheit stets verbundenen Unsicherheit und Notwendigkeit der intellektuellen Anstrengung. Die Delegation jeder Entscheidung an eine Autorität bzw. an ein Kollektiv jedoch führt zur intellektuellen Verwahrlosung.

Antisemiten haben infolgedessen eine regelrechte Knechtsgesinnung gegenüber ihrem eigenen, paternalistisch strukturierten Kollektiv, und zur Selbstversicherung werden regelmäßig die Juden als (vermeintlich) religiöses – oder Israel als nationales – Gegenkollektiv wahrgenommen und gehasst (aber zugleich heimlich beneidet), denn sie werden als gleichschaltungsresistent imaginiert und erinnern den Antisemiten unbewusst an seine eigene armselige Existenz in seiner freiwilligen Unterwerfung unter seine eigene Gemeinschaft. Es ist, als würde die gesichtslose, dem Herdentrieb folgende graue Maus den Juden vorwerfen: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod!“

Dies alles gilt jedoch nicht nur in Bezug auf Israel, sondern tendenziell auch in Bezug auf Amerika. Bezeichnend ist schon die vor allem im isla­mi­schen Raum häufig anzutreffende Bezeichnung der USA als „großer Satan“ (neben dem „kleinen Satan“ Israel), denn gerade die Figur des Satans ist es, die einen in Versuchung führt, die also insgeheim eine (freilich verleug­nete) Attraktivität ausstrahlt. Amerika steht bei den Gotteskriegern und ihren europäischen – heimlichen oder bekennenden – Freunden im Verdacht, die Moderne zu repräsentieren, den „seelenlosen“ Materialismus, die Gleichstellung der Frau, die geistige sowie sexuelle Libertinage und die individuellen Freiheitsrechte. Und in diesem Verdacht standen die USA seit ihrer Entstehung; er besteht gänzlich unabhängig von einer möglicherweise guten oder schlechten amerikanischen Außenpolitik.

Überdies beäugt manch ein Blut-und-Boden-Obsku­rantist die Vereinigten Staaten schließlich auch deshalb miss­trauisch, weil sie keine „Blutsnation“ sind, also nicht wirklich auf einer gemeinsamen Ab­stam­mung (oder wenigstens auf einer gemeinsamen Religion) beruhen und nicht „mit ihrer Scholle verwachsen“ sind – anders als manche europä­ische und vor allem arabische Staaten, deren „Volksge­meinschaften“ als natur­wüchsig und autoch­thon wahrgenommen und den „künstlichen“, multi­kulturellen, mit­unter als „jü­disch versippt“ halluzinierten USA gegenübergestellt werden. Es ist ja gerade das Merkmal der Künstlichkeit, das beson­ders gerne auch gegen Israel in Anschlag gebracht wird, wie schon der beliebte, abfällige Begriff „zionistisches Gebilde“ belegt.

Der aggressive Wunsch der Antisemiten, die Juden als Störenfriede der eigenen Friedhofsruhe loszuwerden, verdichtet sich letzten Endes im Verlangen nach Elimination. Es handelt sich dabei um den von Freud beschriebenen unbewussten Vorgang der Projektion; Antisemiten sind daher in der Regel nicht dazu fähig, ihre Empfindungen zu reflektieren. Beim Antisemitismus handelt es sich also um nicht weniger als eine Massenpsychose.

Um die eigene Aggressivität zu kaschieren, werden dabei die Juden stets als Angreifer halluziniert. Früher hieß es in diesem Zusammenhang „Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei Juden!“, heute wird Israel zum Aggressor gemacht, zu dem Staat, der wie kein anderer den Weltfrieden bedrohe und Palästinenser quäle, obwohl doch Israel seit über 60 Jahren bedroht und angegriffen wird und obwohl die Palästinenser, die in Israel leben – also die israelischen Araber – unvergleichlich mehr Rechte und Freiheiten haben als die Palästinenser in jedem arabischen Staat.

Aber seit dem 8. Mai 1945 gibt es in Deutschland keine Antisemiten mehr, es gibt nur noch „Israelkritiker“. Doch so wie der Antisemitismus in Adornos berühmt gewordenen Diktum als „das Gerücht über die Juden“ beschrieben wurde, so ist der Antizionismus das Gerücht über Israel.


III.

Die Juden, die so genannten Volksfeinde, die Schwulen, die Intellektuellen, aber auch alle anderen, die im Verdacht stehen, das eigene Glück zum Handlungsmaßstab zu machen, wirkten „zersetzend“ – so heißt es. „Zersetzen“ bedeutet hier, ein Kollektiv in seine Einzelteile aufzulösen. Wer sich dem Kollektiv nicht unterwirft, wer alleine durch seine Existenz beweist, dass man sich sozialem Druck nicht beugen muss, der gilt nicht selten als (Volks-)Verräter oder fremdgesteuerter Spion. Diesen Vorwurf mussten nicht nur linke Dissidenten immer wieder fürchten, sondern beispielsweise auch palästinensische Araber, die sich dann doch lieber für ein eigenes gutes Leben einsetzten statt für den Tod der Juden. Tausende von ihnen wurden in den letzten Jahrzehnten ermordet, unter dem Vorwurf, sie seien Kollaborateure mit Israel.

Aber auch anderen wird vorgeworfen, Agenten in fremdem Dienst zu sein. Die aus Bangladesch stammende Schriftstellerin Taslima Nasrin etwa wurde von fanatisch-muslimischer Seite verdächtigt, eine jüdische Spionin zu sein, weil sie Islamkritik betreibt und sich für Frauenrechte einsetzt. Und die Vertreter sowohl der linken als auch der rechten Opposition gegen Stalin wurden regelmäßig als „Agenten des Imperialismus“ oder einer jüdischen Weltverschwörung denunziert. Vergleichbare Anwürfe wurden immer wieder auch gegen Karl Marx, Sigmund Freud oder Theodor W. Adorno erhoben und ebenso – beispielsweise in den unsäglichen „Protokollen der Weisen von Zion“ – gegen die Anhänger der Französischen Revolution. Im Grunde haben wir ein analoges Phänomen schon beim europäischen Hexenwahn, denn auch die als Hexen bezeichneten Frauen wurden als von einer höheren, fremden Macht – dem so genannten Teufel – gesteuert betrachtet. Und wer heute insbesondere innerhalb eines linken sozialen Umfelds solidarisch mit Israel ist, dem wird ebenfalls nicht selten unterstellt, fremdgesteuert zu sein: Früher rief man ihm „Judenknecht“ nach, heute gilt er bevorzugt als „Imperialistenknecht“ oder als „Marionette der israelischen Regierung“.

In das kleine Hirn dieser Leute passt der Gedanke also nicht, dass man aus Überzeugung und Gründen der Vernunft eine Position einnimmt, die doch so weit entfernt ist von dem, worauf man sich stillschweigend geeinigt hat; denn zumindest der latente Antisemitismus ist ja, wenn man so will, ein konstanter Bestandteil der europäischen Kultur. Nicht sein kann, was nicht sein darf – deswegen gilt man dann den zur Reflexion unfähigen Kleingeistern als Agent einer als übermächtig imaginierten Institution. Die eigene, unabhängig von irgendwelchen Massen angeeignete Erkenntnis wird also als fremdbestimmt denunziert, und die Ressentiments und niedrigsten Instinkte aus dem Bodensatz der Gesellschaft werden als ureigenste Identität gefeiert. Kurz: Das Eigene gilt als fremd, das Fremde gilt als Eigenes.

Anmerkungen:
[1] Albert Speer: Spandauer Tagebücher, Berlin 1993, S. 126f. (Eintrag vom 18.11.1947).
[2] Die Karte stammt ursprünglich aus der Arbeit des für die Nationalsozialisten arbeitenden Luftfahrttechnikers Eugen Sänger, im Original zugänglich im Archiv des Deutschen Museums München (Nachlass Sänger, NL 230 und Vorl. Nr. 0121).
[3] Vgl. Efraim Karsh: Imperialismus im Namen Allahs. Von Muhammad bis Osama Bin Laden, München 2007, S. 313f.; Matthias Küntzel: Djihad und Judenhaß. Über den neuen antijüdischen Krieg, Freiburg 2002, S. 23.
[4] Hans-Gerhard Kippenberg/Tilman Seidensticker (Hg.): Terror im Dienste Gottes. Die „geistliche Anleitung“ der Attentäter des 11. September 2001, Frankfurt am Main/New York 2004, S. 96.
[5] Zitate aus Marwan Abou-Taam/Ruth Bigalke (Hg.): Die Reden des Osama bin Laden, Kreuzlingen/München 2006, S. 36, 48, 116, 141, 150.
[6] Der Spiegel 36/2002, S. 117.

Zum Foto: Palästinenser feiern die Terroranschläge von Nine-Eleven. Gaza, 11. September 2001.

In bester Gesellschaft

Der Aachener Friedenspreis distanziert sich zunächst von den antisemitischen Hetztiraden seines Preisträgers Walter Herrmann, die dieser täglich auf seiner „Klagemauer“ am Kölner Dom präsentiert; nach internen Streitigkeiten spricht man ihm dann allerdings doch die Solidarität aus. Das ist gleichwohl nicht verwunderlich, tummeln sich unter den Preisträgern doch auch weitere Agitatoren, die mit Herrmann einen obsessiven und verzerrenden Blick auf den Nahostkonflikt teilen.


VON DER ASSOZIATION GEGEN ANTISEMITISMUS UND ISRAELFEINDSCHAFT NRW*


Als der „Kölner Klagemauer“ 1998 der Aachener Friedenspreis (AFP) verliehen wurde, widmete sie sich noch nicht dem Nahostkonflikt. Doch seit einigen Jahren baut Walter Herrmann (Foto oben, rechts) seine „Klagemauer“ fast ausschließlich zu diesem Thema auf. Dabei ist seine Darstellung durchzogen von einseitigen Schuldzuweisungen an Israel, der völlig unkritischen Wiedergabe palästinensischer Propaganda und einer Verharmlosung bis hin zur offenen Rechtfertigung des antiisraelischen Terrors, was auch dem selbst gewählten Motto – „Cologne Wailing Wall. Against war and violence “ – Hohn spricht. Aber der Terror von Hamas und Hizbollah zählt für den Friedensfreund Herrmann offensichtlich nicht.

Mit der Zeit wurden die Darstellungen immer offener antisemitisch; sie erreichten ihren vorläufigen Höhepunkt in der Präsentation einer Karikatur, die einen Juden, gekennzeichnet durch einen Davidstern, beim Verspeisen eines palästinensischen Kindes zeigte. Als sich nun zu Recht endlich Protest gegen diese auf alte antisemitische Stereotype zurückgreifende Hetze erhob, sah sich auch der AFP zu einer Stellungnahme gezwungen. Schließlich greift Herrmann bis heute bei jeder Gelegenheit auf seine Preisträgerschaft zurück, um sich gegen Kritik zu immunisieren.

Doch ließ die im Februar 2010 erfolgte Distanzierung ihren Zweck bereits deutlich erkennen. Es ging gar nicht um eine wirkliche Diskussion, inwieweit das gesamte Konzept der Klagemauer antisemitisch ist und wieso viele Friedensfreunde zwar beständig die israelische Politik geißeln, vom palästinensischen Terror und Antisemitismus aber schweigen. Der langjährige Friedenspreis-Vorsitzende Otmar Steinbicker – der mittlerweile erkannt hat, mit welchen wahnhaften Antisemiten er es beim Friedenspreis zu tun hatte – war dann auch ganz offen: Die Friedensbewegung müsse sich „klar und deutlich abgrenzen, um sich die Kritikfähigkeit an der israelischen Politik zu erhalten“; Walter Herrmann helfe nur denjenigen, die „eine ernsthafte Debatte über israelische Kriegsverbrechen in Gaza verhindern und durch eine Debatte über Antisemitismus ersetzen wollen“.

Man distanzierte sich also von der „Klagemauer“, um weitermachen zu können wie bisher. Wie dieses „Bisher“ aussah, zeigt ein Blick auf andere Träger des AFP. Der dieses Jahr zum 21. Mal überreichte Preis wurde bereits viermal mit klarem Bezug zum Nahostkonflikt vergeben – in Anbetracht der unzähligen weltweiten Konflikte und Kriege eine hohe Anzahl. Dabei wurden mit Uri Avnery und Reuven Moskovitz Personen geehrt, die ähnlich wie Walter Herrmann Israel als Quell aller Übel ausmachen. Avnery sieht schon seit Jahren immer wieder den Faschismus in Israel ausbrechen, und Moskovitz schreckt auch vor Vergleichen Israels mit dem Nationalsozialismus nicht zurück. Da beide Israelis sind, werden Sie in Deutschland gerne gehört. Sie halten nicht nur das dichotome Bild der bösen Israelis und der unschuldigen Palästinenser aufrecht, sondern entlasten mit ihren unzulässigen historischen Vergleichen auch die Deutschen, die in den Israelis endlich die „neuen Nazis“ erblicken können.

Wes Geistes Kind die deutsche Friedensbewegung ist, zeigt auch der Preisträger von 2002, Bernhard Nolz. Dieser tauschte auf einer israelischen Flagge den Davidstern gegen ein Hakenkreuz und verteidigte dies auch nach Protesten. Geradezu obsessiv scheint man sich in Aachen Israel als vermeintlich größtem Hindernis auf dem Weg zum Weltfrieden zuzuwenden. Dabei ignoriert man natürlich, dass Israel zu existieren aufhören würde, wenn es die Waffen niederlegte, während Frieden herrschen würde, wenn die verschiedenen palästinensischen Gruppen ihre Waffen niederlegten. Stattdessen hat man sich nun mit Herrmann solidarisch erklärt und seine Hasspropaganda zu Kunst erhoben. Es werde gar „von interessierter Seite versucht, die kritische Stimme der Klagemauer verstummen zu lassen“, heißt es. Interessierte Kreise? Zionistische Agenten, das Weltjudentum? Walter Herrmann wüsste da sicher eine Antwort, schließlich präsentiert er an seiner „Klagemauer“ auch die wahren Mörder von Vittorio Arrigoni, der im April in Gaza von Islamisten hingerichtet wurde: den Mossad!

Der Antisemit Herrmann ist also gut aufgehoben im Kreise einiger anderer Träger des Aachener Friedenspreises und des AFP-Vorstands. Der von ihnen für Palästina erwünschte Frieden käme einer Friedhofsruhe gleich, überließe man die Juden schutzlos den antisemitischen Mörderbanden. Dass der AFP seinen Preis einem dissidenten Palästinenser wie Mussab Hassan Jussef zuspricht – der als Agent für den israelischen Inlandsgeheimdienst Shin Bet gearbeitet und in dieser Funktion dazu beigetragen hat, dass Dutzende von Selbstmordanschlägen verhindert und hochrangige Palästinenserführer festgenommen werden konnten – oder gar einer Organisation, die den in Deutschland zunehmenden Antisemitismus bekämpft, das bleibt wohl eine kühne Hoffnung. Bisher zumindest dient der Ruf des AFP nach Frieden vor allem als Deckmantel für antisemitische Agitation.

* Kontakt zu dieser Vereinigung kann via E-Mail aufgenommen werden.

Foto: © Henryk M. Broder

Der ägyptische Patient

Als der Süden Israels vor Wochenfrist von mehreren Terroranschlägen erschüttert wurde – durch die acht Israelis ermordet und über 30 verletzt wurden – und die israelische Armee daraufhin gezielt Stellungen des für die Attentate offenbar verantwortlichen palästinensischen Volkswiderstandskomitees bombardierte, da fielen die Reaktionen in vielen deutschen Medien so aus wie immer: Den Opfern der Attacken widmete man sich eher beiläufig; ein erheblich größeres Interesse galt der israelischen Antwort. „In altgewohnter Art hat Israel auf die Terrorattacken im Süden des Landes reagiert – und erst einmal um sich gefeuert“, schrieb beispielsweise Peter Münch in der Süddeutschen Zeitung, merklich verärgert darüber, dass die israelische Regierung seinen drei Tage zuvor veröffentlichten Rat, „bei aller verständlichen Empörung Zurückhaltung zu üben“ (das heißt: den Terror geschehen zu lassen) und das eigene Land „zunächst einmal in seinem Inneren zu befrieden“ (also den Sozialprotesten nachzugeben), einfach in den Wind geschlagen hatte. Dabei weiß bekanntlich niemand besser als deutsche Nahostkorrespondenten, was der jüdische Staat zu tun und zu lassen hat: „Es geht darum, dass Israel die Zeichen der Zeit richtig deutet und angesichts all der Veränderungen ringsum nicht mehr stur lediglich den alten Reflexen und den alten Axiomen folgt“, hob Münch den Zeigefinger noch ein bisschen höher. „So ist es brandgefährlich, in diesen aufgewühlten Zeiten die Vergeltung für den Terrorangriff immer weiter eskalieren zu lassen. Israel fliegt Luftangriffe auf den Gaza-Streifen, die Palästinenser feuern Raketen auf Städte in Südisrael – seit Tagen schon schaukelt sich das hoch und kann sehr leicht außer Kontrolle geraten.“

Doch während der SZ-Mann noch das uralte Märchen von der „Gewaltspirale“ erzählte – das Ursache und Wirkung stets außer Acht lässt und an dessen Ende immer die Israelis schuld sind –, untersuchte das israelische Militär bereits das Geschehene, und zwar sowohl die Angriffe der Terroristen als auch die eigenen Maßnahmen, in deren Folge fünf ägyptische Grenzpolizisten getötet worden waren. Letzteres hatte geharnischte Reaktionen der ägyptischen Regierung (sowie ressentimentgeladene Proteste) ausgelöst; sogar mit dem Rückzug des Botschafters war gedroht worden. Der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak entschuldigte sich daraufhin, sagte jedoch auch: „Die Angriffe sind ein Beweis für die mangelnde Kontrolle der Ägypter auf der Sinai-Halbinsel und das Erstarken terroristischer Gruppen dort.“ Folgt man den Ergebnissen der Untersuchung, dann kommt man nicht umhin, Barak Recht zu geben, zumal mindestens drei der getöteten Terroristen ägyptische Staatsbürger waren, wie die israelische Tageszeitung Yedioth Ahronoth unter Bezugnahme auf Armeequellen schrieb. Wenigstens einer davon soll im Zuge des Aufstandes in Ägypten zu Beginn des Jahres aus einem Gefängnis in Kairo geflohen sein. Die Nachforschungen – deren Resultate dem zuvor wenig kooperativen Obersten Militärrat Ägyptens übermittelt wurden – ergaben aber noch weit mehr: Demnach zeigen mehrere Luftaufnahmen, dass die israelischen Militärhubschrauber es durchaus vermieden haben, auf ägyptische Armeefahrzeuge und -angehörige zu schießen. Die ägyptischen Grenzsoldaten hätten dem Treiben der Attentäter lange untätig zugesehen und sich erst spät dazu entschlossen, gegen den Beschuss vorzugehen; womöglich sei es genau dabei zu den tödlichen Schüssen auf sie gekommen, mutmaßt die israelische Armee. Ein endgültiger Aufschluss sei allerdings erst nach einer Autopsie durch die ägyptischen Behörden möglich.

Im Übrigen ist der israelischen Regierung sehr wohl bewusst, dass die Beziehungen zum Nachbarstaat derzeit einer ausgesprochen harten Belastungsprobe ausgesetzt sind, um es zurückhaltend zu formulieren. Nicht zuletzt deshalb hat sie sich entschlossen, momentan auf größere Antiterroroperationen im Grenzgebiet zu verzichten – und das, obwohl Israels Feinde alles daran setzen, die Spannungen zwischen dem jüdischen Staat und Ägypten zu befördern. Denn „durch die arabischen Revolten wurde der israelisch-palästinensische Konflikt in den Hintergrund gedrängt“, wie Jörn Schulz in der Jungle World befand; „dies zu ändern und zugleich eine ägyptisch-israelische Konfrontation herbeizuführen, könnte das Ziel der Attentäter von Eilat gewesen sein“. Zudem müsse eine kleine Organisation wie das palästinensische Volkswiderstandskomitee, das „als ideologisch motivierte Söldnertruppe für eine ausländische Macht aktiv ist, keine diplomatische Rücksicht nehmen“, so Schulz weiter. Die Truppe sei eine Verbündete der Hizbollah und damit des Iran, und „vor allem die Machthaber des Iran und Syriens wünschen sich die alte Zeit zurück, als man unter ‚dem Nahost-Konflikt’ ganz selbstverständlich die Auseinandersetzung zwischen Israel und den Palästinensern verstand und Demokratisierungsforderungen mit dem Verweis auf die notwendige Einheit im ‚Kampf gegen den Zionismus’ zurückweisen konnte“.

Das jedoch ist zurzeit nicht ohne Weiteres möglich, und deshalb hat die Hamas auch ein Problem: Weil sie, anders als beispielsweise die PFLP, nicht die erwarteten Ergebenheitsadressen an das syrische Regime entsandte, hat der Iran ihr offenbar die finanzielle Unterstützung gekürzt; als die syrische Armee unlängst ein palästinensisches Flüchtlingslager in Latakia bombardierte, schwieg sie jedoch ebenfalls, im Gegensatz zu Yasser Abed Rabbo, dem Generalsekretär der PLO, der die Attacke gegen die in Latakia lebenden Palästinenser als „Verbrechen gegen die Menschheit“ verurteilte. Und dann ist da ja noch der Plan der Palästinensischen Autonomiebehörde, Ende September vor der Uno einen eigenen Staat auszurufen – ein Vorhaben, das wenigstens nach außen hin die Demonstration einer gewissen Einigkeit erfordert. In dieser für sie ungewohnt vertrackten Lage entschied sich die Hamas, den Beschuss Israels mit Raketen vorübergehend einzustellen (aus rein taktischen Erwägungen, versteht sich) und auch die noch radikalere Konkurrenz im Gazastreifen – namentlich den Islamischen Djihad, einen verlängerten Arm des iranischen Regimes – um eine zeitweilige Waffenruhe zu bitten. Dass diese länger halten wird, darf man allerdings bezweifeln; spätestens wenn die Palästinenser ihren großen Staatsgründungsauftritt hinter sich gebracht haben, wird sich zumindest die Hamas keine Zurückhaltung mehr auferlegen.

Und Ägypten? Steht im Sinai „vor einer großen Herausforderung“, wie Zvi Mazel, der ehemalige Botschafter Israels in Ägypten, in der Jerusalem Post schrieb: „Es gibt dort heutzutage mehr islamistische Extremisten als in der Vergangenheit. Einige kommen aus dem Gazastreifen. Doch auch der iranische Einfluss ist sehr groß. Es gibt durchorganisierte Schmuggel-Netzwerke, die Waffen, Sprengstoff und Raketen aus dem Iran und von der Hizbollah über den Sudan und Sinai in den Gazastreifen bringen. Jetzt, da die zentrale Regierung in Ägypten so schwach ist, gibt es Gespräche darüber, eine ‚freie islamische Zone’ – ähnlich derjenigen in Afghanistan, die durch al-Qaida entstand – zu schaffen, die eine Basis für Angriffe auf Israel, auf Ägypten und andere Staaten der Region wäre.“ Die ägyptische Armee immerhin hat, offiziell zumindest, die Schließung der Schmuggeltunnel zwischen dem Gazastreifen und dem Sinai sowie stärkere Kontrollen am Grenzübergang Rafah angekündigt. Man wird prüfen müssen, ob den Worten auch Taten folgen, die geeignet sind, Bestand zu haben.

Zum Foto: „Fuck Israil“ – Ein Israelfeind verewigt sich an der israelischen Botschaft in Ägypten. Kairo, August 2011.

Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Webportal Artikel 7: De Egyptische patiënt.

Dr. Michal Rachel Suissa (Foto) ist eine jüdische Amazigh (Berberin) und lehrt Medizinische Chemie an der Universität Oslo. 1963 floh sie im Alter von sechs Jahren von Marokko nach Frankreich, später emigrierte sie nach Israel. Seit 1992 lebt sie in Norwegen, veröffentlicht regelmäßig Beiträge über Minderheiten im Nahen Osten und den Gebrauch der Religion als Waffe gegen Juden und Minderheiten. Sie leitet das Senter mot antisemittisme (Zentrum gegen Antisemitismus) und ist Redakteurin der Vierteljahresschrift SMA-Info über Israel und Antisemitismus. Mit ihr sprach Stefan Frank über Antisemitismus und Rassismus in Norwegen nach den Terrorattentaten von Anders Breivik.


INTERVIEW: STEFAN FRANK

Gibt es in Norwegen ein Rassismusproblem?

Michal Rachel Suissa: Rassistische oder fremdenfeindliche Parteien gibt es in Norwegen nicht. Es gibt individuelle Fälle von rassistischem Verhalten, einige rassistische Kommentare in den Medien, von Einzelnen verübte rassistische Gewalt – und es hat sogar in den letzten zehn Jahren mehrere Morde gegeben. Aber all das hat keinen organisierten Charakter und sollte nicht als ein besonderes norwegisches Phänomen betrachtet werden.

Welche Beispiele für rassistische Gewalt können Sie nennen?

Der in Indien geborene Norweger Arve Beheim Karlsen wurde am 23. April 1999 ertrunken in einem Fluss gefunden, nachdem er von einer Gruppe junger Norweger gejagt worden war. Die Angeklagten in dem daraufhin eingeleiteten Verfahren wurden von Knut Storberget verteidigt, unserem derzeitigen Justizminister. Sie wurden nach dem Rassismusparagraphen angeklagt, doch obwohl ein Zeuge aussagte, dass sie „Tötet den Nigger!“ gerufen hätten, als sie das Opfer den Fluss entlang jagten, wurden sie lediglich wegen Körperverletzung und Bedrohung verurteilt. Weltweit bekannt wurde der Mord an dem 15jährigen, aus einer Einwandererfamilie stammenden Benjamin Hermansen Labaran; er wurde am 26. Januar 2001 in Oslo erstochen. Drei Mitglieder einer örtlichen Neonazigruppe wurden damals verurteilt. Am 23. August 2008 wurde der aus Somalia stammende Taxifahrer Mahmed Jamal Shirwac mit mehreren Schüssen getötet. Im September 2008 wurde ein 48 Jahre alter Kurde in Oslo brutal zusammengeschlagen. Ein vieldiskutierter Fall ereignete sich im Sommer 2007. Der in Somalia geborene Ali Haji Mohamed Farah wurde von einem Mann aus Ghana niedergeschlagen und schwer verletzt. Die Rettungssanitäter ließen den Verletzten liegen, statt ihn ins Krankenhaus zu bringen. Es wurde darüber diskutiert, ob sie aus rassistischen Gründen so gehandelt haben. Vor Gericht wurden sie freigesprochen. Obwohl all diese Fälle die Existenz von Rassismus belegen, sehe ich keine Basis für die Behauptung, dass die norwegische Gesellschaft besonders rassistisch wäre. Im Gegenteil fällt im Vergleich mit anderen Ländern eher das niedrige Niveau solchen Verhaltens auf.

In den neunziger Jahren wurden in Norwegen zahlreiche Kirchen niedergebrannt. Kann man von religiös motivierter Gewalt sprechen?

Nach meinem Wissen wurden all diese Taten von Leuten aus dem satanistischen oder „Black Metal“-Milieu verübt. Die meisten dieser Fälle wurden aufgeklärt und die Täter bestraft. Einen Zusammenhang mit dem jüngsten Terror sehe ich nicht.

Gab es vor dem Massaker von Utøya eine Debatte über muslimische Immigration?

Einwanderung ist ein Thema, das in Norwegen wie in anderen Ländern seit Jahren diskutiert wird, manchmal wird dabei auch die muslimische Einwanderung angesprochen. Das hat aber vor allem etwas mit der als niedrig wahrgenommenen Integration einiger Muslime, insbesondere der Frauen, zu tun. Sogar Führer der muslimischen Gemeinde selbst haben kritische Kommentare über die unter Muslimen verbreiteten Praktiken der Eheschließung gemacht, über Phänomene wie Cousinenehe, Genitalverstümmelung und Ehrenmord. Darin unterscheidet sich Norwegen aber nicht von anderen Ländern. Aus eigener Erfahrung bin ich überzeugt davon, dass die norwegische Gesellschaft nicht auf ethnische „Reinheit“ aus ist, sondern nach Wegen sucht, eine heterogene, multikulturelle Gemeinschaft zu sein, aber auf eine Art, die sicherstellt, dass hart erkämpfte Rechte und Werte erhalten bleiben, etwa die Gleichberechtigung von Frauen und Schwulen oder die Freiheit zur Kritik. Mit einigen Vertretern des Islam gerät man da schnell in verbale Konfrontation, und die Gefahr, von den Medien als „rassistisch“ oder „islamophob“ tituliert zu werden, ist groß. Ich habe noch nie ähnliche Debatten mit Hindus, Buddhisten, Sikhs oder anderen religiösen Gruppen erlebt. Auch offene Drohungen von fundamentalistischen Muslimen gehören in dieses Bild.

Ein Problem, über das nicht gesprochen wird, ist, dass Norwegen praktisch keine wirklich freien Massenmedien hat, da sie alle finanziell von der Regierung unterstützt werden. Darum gibt es eine zu beobachtende Tendenz, die politisch korrekten Ansichten wiederzugeben. Und da es nicht politisch korrekt ist, bestimmte Aspekte des Islam zu kritisieren, wird garantiert jeder als Rassist bezeichnet, der einfache Fragen stellt wie: „Wie lange noch können wir darüber hinwegsehen, dass Mekka immer noch eine für Nichtmuslime verbotene Stadt ist, während Moscheen in Norwegen wie Pilze aus dem Boden schießen?“ In Norwegen gibt es, wie überhaupt in Europa, ein Verbot, die Wahrheit über diese Dinge zu sagen, und das frustriert viele Leute.

Manche Leute sagen, der Antisemitismus in Norwegen sei extrem, selbst nach europäischen Maßstäben. Stimmt das?

Nein. Was es gibt, ist eine generelle Gleichschaltung der öffentlichen Information und einen Mangel an alternativen Kanälen, was in einer kleinen Sprachgemeinschaft wie der norwegischen einen großen Einfluss auf die öffentliche Meinung hat. Es gibt aber keinen Beweis dafür, dass der Antisemitismus extremer ist als anderswo. Allerdings zeigt ein von den Osloer Behörden im Juni veröffentlichter Bericht die Existenz von Antisemitismus unter Schülern. Unser Informationscenter sagt das schon seit Jahren, aber die norwegischen Behörden versuchten es bislang herunterzuspielen, zu ignorieren oder auf andere Weise aus der öffentlichen Debatte herauszuhalten. Die Schüler berichteten unter anderem, dass das Wort „Jude“ an norwegischen Schulen wieder zu einem normalen Schimpfwort geworden ist und dass der meiste Judenhass von muslimischen Schülern kommt. Es ist aber wichtig zu betonen, dass der Antisemitismus in Norwegen keine Folge der muslimischen Einwanderung ist. Antisemitische Einstellungen, ob offen oder verdeckt, werden von den norwegischen Mainstreammedien wie der Rundfunkanstalt NRK und Oslos größter Zeitung Aftenposten geschaffen und erhalten. Viele Politiker und Journalisten machen Karriere, indem sie bei jeder Gelegenheit Israel geißeln. Dies geht einher mit einer tendenziösen, negativen Beschreibung von Israels norwegischen Unterstützern.

Den radikalen muslimischen Immigranten in Norwegen ist es natürlich nicht entgangen, dass antisemitische oder sogar rassistische Äußerungen oft auf große Unterstützung durch die norwegischen Medien und einige Politiker treffen. An einer vom norwegischen Finanzminister und anderen wichtigen Linken geführten Demonstration gegen die israelische Militäroperation im Gazastreifen, die in Oslo stattfand, nahmen auch viele junge Araber teil und skandierten „Itbah al yahud!“ „Tötet die Juden!“ Das hat sich nicht etwa während des Holocaust zugetragen, sondern im Januar 2009, in den Straßen von Oslo. Norwegische und muslimische Kinder sahen, wie ihre Staatsmänner Hand in Hand mit Islamisten demonstrierten. Das beeinflusst natürlich ihre Haltung, wie der eben erwähnte Bericht über den Antisemitismus an Schulen zeigt. Die Verantwortung für den Judenhass in Norwegen tragen die Bewusstseinsdesigner, die rücksichtslos die Medien und ihre politischen Plattformen dazu benutzen, die Realität zu verzerren und die Juden als das gefährlichste Volk der Welt darzustellen. In den Worten des ehemaligen Ministerpräsidenten und jetzigen Generalsekretärs des Europarats, Thorbjørn Jagland: „Wenn es etwas gibt, das den Weltfrieden bedroht, dann ist es die israelische Besatzung.“ Solche Statements sind fraglos eine Quelle des Judenhasses in Norwegen.

Welche Haltung hat die norwegische Regierung zu Israel?

Sie hat im Laufe der Geschichte eine 180-Grad-Wende vollzogen. Während Norwegen einst ein begeisterter Unterstützer des jungen jüdischen Staates war und ein formal neutraler Friedensmakler während der arabisch-israelischen Verhandlungen, hat es unter seiner jetzigen Regierung einen entscheidenden Schritt getan, sich politisch mit der palästinensischen Seite zu verbünden und seinen ehemaligen Freund zurückzulassen. Das ist ein weiterer Aspekt, der von den norwegischen Medien heruntergespielt wird. Einer der bedeutendsten Befürworter dieser Politik ist Außenminister Gahr Støre. Über seine Rolle in der Außenpolitik gibt es in Norwegen keine nennenswerte Debatte. Die Norweger fühlen sich im Großen und Ganzen wohl in ihrer wachsenden Wohlstandsblase, isoliert von den Übeln der Welt, und sind zufrieden damit, dass ihr Land unter den Ländern mit dem höchsten Lebensstandard auf Platz eins rangiert.

Was können Sie über Gahr Støre sagen?

Er kam ins Amt, nachdem die Führer der Arbeitspartei lange nach einem Kandidaten gesucht hatten. Als ein früherer Karrierebürokrat musste er sich auch gegenüber den radikalen Kräften seiner neuen Partei als würdig erweisen. Das tat er unter anderem, indem er klarstellte, was Norwegens Kurs im Hinblick auf die Konfliktparteien des Nahen Osten ist. Er war der erste westliche Staatsmann, der politische und wirtschaftliche Beziehungen zu Organisationen wie der Hamas, der Muslimbruderschaft, den Taliban und, kürzlich, zu der somalischen Terrororganisation al-Shabaab geknüpft hat. Sein wichtigster Slogan ist „Dialog“.

Was bedeutet das Massaker von Utøya für Norwegens Juden?

Die meisten norwegischen Juden versuchen, ihre jüdische Identität zu verbergen. Wir haben drei sehr kleine Gemeinden, die ein paar hundert gläubige Juden repräsentieren. Bis jetzt herrscht Schweigen, da die meisten Juden instinktiv mit Angst reagieren – sie fürchten, die nächsten Sündenböcke zu werden. Ich weiß das mit Sicherheit, weil einige es mir in privaten Gesprächen gesagt haben. Die Medien beeilten sich mit Schlagzeilen über die Behauptung, der Mörder sei „proisraelisch“ gewesen. Ich sehe das als Teil der massiven Medienpropaganda, um die „rechte“ Opposition zum Schweigen zu bringen, die Israel im Allgemeinen positiv gegenübersteht.

Fürchten Sie, dass der Antisemitismus wachsen wird?

Ich fürchte nicht, dass die Gewalttaten an sich den Antisemitismus in Norwegen steigern werden und sehe im Moment auch keine Reaktionen auf das Massaker und den Bombenanschlag, die ich als antijüdisch oder antiisraelisch bezeichnen würde. Mich beunruhigt jedoch, dass die Hexenjagd, die gegen die politische Opposition von den meist linken Medien betrieben wird, es noch schwerer machen wird, öffentlich Solidarität mit Israel zu bekunden. Wir haben Beispiele antiisraelischer Hetze kurz vor dem terroristischen Massaker gesehen, unter anderem vom Außenminister. Dass die sich als unerschütterliche Wahrheit festsetzen könnte, vor allem in den Köpfen der historisch weniger gut informierten jüngeren Generation, ängstigt mich sehr. Als im Juni der Bericht über den Antisemitismus erschienen ist und die örtliche jüdische Gemeinde ein internationales Seminar zu dem Thema abgehalten hat, war der Außenminister so mutig, die Verantwortung von Politikern einzuräumen. Er sagte: „Ein Jargon von Slang-Begriffen, die unbeabsichtigte schwerwiegende Konsequenzen haben können, kann leicht Wurzeln schlagen. Diejenigen von uns, die politische Verantwortung tragen, müssen darüber reden und solchen Begriffen entgegenwirken.“ Leider hatte er diesen guten Ratschlag vergessen, als er an dem Tag vor dem Massaker einem jubelnden Publikum aus jungen Parteifreunden unmissverständliche Anti-Israel-Parolen zurief: „Die Palästinenser müssen ihren eigenen Staat haben. Die Besatzung muss enden, die Mauer muss niedergerissen werden, und all das muss jetzt passieren!“

Eine längerfristige negative Konsequenz der brutalen Terrorakte ist eine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Im Augenblick gibt es eine verleumderische Medienkampagne gegen Christen, die in einigen Fällen auf unheimliche Weise an Elemente des klassischen Antisemitismus erinnert. Viele Leute haben Angst, mit dem Massenmörder in Verbindung gebracht zu werden, den die Medien als „konservativen christlichen Fundamentalisten“ bezeichnen. Dieses Label reicht aus, um die Hälfte der norwegischen Bevölkerung in Lähmung zu versetzen, eben jenen Teil, in dem die meisten Unterstützer Israels und der Juden zu finden sind. Diese Hexenjagd, die sich in rasanter Geschwindigkeit ausbreitet, hat bereits viele konservative Blogger in diesem Land paralysiert, und ich fürchte, dass andere ebenfalls darunter leiden werden, bevor die Medien dann am Ende zum klassischen Kompromiss gelangen und die Juden beschuldigen.

Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Webportal Amsterdam Post: „De meeste Noorse Joden reageren met angst“. Eine englische Fassung ist bei Pajamas Media erschienen.

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