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No risk, much fun

Der Nahe Osten und die westlichen Medien, oder: Wenn Scheinheiligkeit und das Messen mit zweierlei Maß außer Kontrolle geraten.


VON KHALED ABU TOAMEH*


Noch immer legen westliche Korrespondenten und Zeitungen zweierlei Maßstäbe an, wenn sie über den israelisch-arabischen Konflikt berichten. Dabei ist es viel einfacher für sie, von Israel aus über Israel zu schreiben und sich dabei keine Gedanken über ihre Sicherheit machen zu müssen. Warum sollten sie auch in einen arabischen Staat reisen und das Risiko eingehen, verhaftet oder ausgewiesen zu werden, wenn sie etwas schreiben, das ein negatives Bild von der dortigen Diktatur zeichnet? Außerdem ist es gar nicht so einfach, in arabische oder islamische Länder zu kommen: Für die meisten von ihnen brauchen ausländische Reporter ein Einreisevisum – und dem geht ein Prozedere voraus, das sich über Wochen, Monate oder sogar Jahre hinziehen kann.

Wenn sie dann endlich in der betreffenden arabischen Hauptstadt angekommen sind, werden sie häufig von „Aufpassern“ des Informationsministeriums des Landes auf Schritt und Tritt begleitet. Darüber hinaus gibt es die Agenten des Geheimdienstes, die den Korrespondenten von der ersten Minute an so lange folgen, bis sie das Land wieder verlassen haben. Diejenigen, die für „schuldig“ befunden werden, etwas geschrieben zu haben, das den jeweiligen arabischen Diktator oder irgendeinen seiner Vertrauten verärgert hat, können die Hoffnung fahren lassen, jemals wieder ein Visum zu bekommen. Doch die großen Medien in den USA, Kanada und Europa scheinen alle blind zu sein, auch für die jüngsten Entwicklungen in Jordanien, wo die Regierung ein Gesetz erlassen hat, das die Pressefreiheit einschränkt.

Die Verhaftung von sieben palästinensischen Universitätsdozenten durch die Sicherheitskräfte der Palästinensischen Autonomiebehörde in der Westbank vor kurzem ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die internationalen Medien in diesem Teil der Welt arbeiten: Einige palästinensische Freelancer und Reporter hatten die Geschichte über die Inhaftierung der Akademiker mindestens einem Dutzend Korrespondenten und Zeitungsherausgeber in Nordamerika und Europa angeboten. Aber nur ein einziger ausländischer Journalist war bereit, über diese Angelegenheit zu schreiben. Seine Kollegen gaben unterschiedliche Gründe für ihr Desinteresse an: Einige fürchteten um ihre Sicherheit, wenn sie über Neuigkeiten berichten, die womöglich die vom Westen alimentierten Sicherheitskräfte der Palästinensischen Autonomiebehörde in der Westbank stören könnten. Andere gaben einfach ihren Herausgebern in New York, Paris, London und Toronto die Schuld dafür, dass die Nachricht als „unbedeutend“ eingestuft wurde.

Eine desillusionierte palästinensische Journalistin aus Ramallah entschloss sich daraufhin, ihre westlichen Kollegen zu testen. Sie bot derselben Gruppe von Journalisten und Herausgebern, der auch die Geschichte über die Verhaftung der Akademiker offeriert worden war, eine „neue Idee“ für einen Beitrag an. Die Journalistin schlug ihnen vor, über einen palästinensischen Universitätsprofessor zu schreiben, der sich darüber beschwert hatte, dass die israelischen Behörden seinen Antrag abgelehnt hatten, zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern Israel zu besuchen. Die Antwort kam postwendend: Alle bis auf zwei sagten, dies sei eine „tolle Geschichte“, und bekundeten ihre Bereitschaft, sich sofort an die Arbeit zu machen.

Nicht vergessen werden sollte in diesem Zusammenhang, dass der Geheimdienst der Palästinensischen Autonomiebehörde palästinensische Journalisten und Universitätsangehörige davor gewarnt hatte, über die Verhaftung der Akademiker zu berichten. Natürlich hielten sich die palästinensischen Medien in der Westbank, die von der Autonomiebehörde kontrolliert werden, an die Anweisung. Die palästinensischen Behörden machten überdies dem Präsidenten der Universität unmissverständlich klar, er solle nur ja keine Beschwerde über die Verhaftung seiner Mitarbeiter einreichen. Auch er fügte sich und ging sogar so weit, sein Handy auszuschalten, um keine Fragen von Journalisten beantworten zu müssen. Man stelle sich einmal die Reaktion der internationalen Medien vor, wenn Israel die palästinensischen Akademiker verhaftet hätte.

Dass die internationalen Medien mit zweierlei Maß messen, ist gleichwohl nicht neu. Mitte der 1990er Jahre weigerten sich viele westliche Korrespondenten, die in Jerusalem und Tel Aviv stationiert waren, Berichte über die miserable Regierungspolitik, die Menschenrechtsverletzungen und die weitverbreitete Korruption unter Yassir Arafat zu veröffentlichen. Dieses scheinheilige Verhalten der Medien ist nicht nur in Bezug auf die Palästinenser zu beobachten, sondern es gilt für die Berichterstattung über den größten Teil der arabischen Welt. Natürlich gibt es dort keinen Mangel an „tollen Geschichten“. Doch jenen westlichen Journalisten, die ihr Tun – oder vielmehr ihr Nichtstun – mit dem Verweis auf Sicherheitsbedenken rechtfertigen, sollte man sagen: Wenn Sie sich fürchten, warum hören Sie dann nicht auf, über den Konflikt zu schreiben, und berichten stattdessen über das Wetter oder die Umwelt? Der Nahe Osten ist nicht der richtige Ort für Journalisten, denen ihr Wohlbefinden mehr wert ist als Tatsachen und die Wahrheit.

* Khaled Abu Toameh ist Dokumentarfilmer und Korrespondent der israelischen Tageszeitung Jerusalem Post in der Westbank und im Gazastreifen. Sein Beitrag erschien unter dem Titel „Middle East’s Western Media – Hypocrisy, Double Standards Out of Control“ zuerst auf Hudson New York. Übersetzung aus dem Englischen: Lizas Welt.

Zum Foto: Westliche Fotografen machen an der Sicherheitsmauer, die von Israel zum Schutz vor Terroristen gebaut wurde (der deutlich überwiegende Teil der Trennanlage besteht aus einem Zaun), Aufnahmen von einer palästinensischen Frau, die zuvor gebeten wurde, sich weinend vor den englischen Schriftzug zu stellen (etwa Frühjahr 2006).

Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Webportal Het Vrije Volk: No risk, much fun.

Wie judenfeindlich ist der Chavismus? Und was unterscheidet Venezuela von anderen lateinamerikanischen und europäischen Ländern mit starken antisemitischen Bewegungen? Stefan Frank geht diesen Fragen in einem weiteren Gastbeitrag für Lizas Welt nach.


VON STEFAN FRANK*

Who controls the British crown?
Who keeps the metric system down?
We do!
We do!

Who leaves Atlantis off the maps?
Who keeps the Martians under wraps?
We do!
We do!

Who holds back the electric car?
Who makes Steve Guttenberg a star?
We do!
We do!

Who robs cavefish of their sight?
Who rigs every Oscar night?
We do!
We do!

The Simpsons: Stonecutters Song

Wie antisemitisch ist der Chavismus bzw. „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“? Anfang des Jahres schrieb ich in einem Artikel über die Lage in Venezuela, der Antisemitismus sei der „wichtigste Pfeiler“ der chavistischen Ideologie. Dem widersprachen einige Leser: Der „Antiimperialismus“ sei die Hauptsache, der Judenhass nur eine Dreingabe. So, wie wenn man in der Apotheke beim Kauf eines Medikaments eine Packung Tempo gratis dazu bekommt. Ich glaube immer noch, dass es umgekehrt ist: Die Droge, die Chávez und seine Leute antreibt, ist der Antisemitismus; dazu werden ein paar rote Taschentücher verteilt. Dass es ebenso gut braune sein könnten, wird nicht bestreiten, wer weiß, wie Chavisten denken. Man schaue zum Beispiel auf Aporrea, ihre wichtigste Publikation im Internet. Ende Juli erschien dort ein Beitrag, der dem Bild des Chavismus als dem Nationalsozialismus des 21. Jahrhunderts noch ein paar Pinselstriche hinzufügt: „Die Wahrheit über die zionistische Herrschaft. Gezielter globaler Genozid und das künstliche Armageddon“.

Er beginnt mit einem Abschnitt über die „heutige Welt“ – oder das, was der Verfasser dafür hält. Das Jahrzehnt habe mit dem „Einsturz“ des World Trade Centers am 11. September 2001 begonnen, gefolgt vom „seltsamen“ und „plötzlichen“ Auftauchen von Grippeepidemien, den Invasionen in Afghanistan und den Irak, der Energie-, Lebensmittel- und Finanzkrise sowie den „Drohungen“ gegen Iran und Nordkorea. Wie das alles zusammenhängen mag? Nach einer „systematischen Analyse“ all dieser Ereignisse kommt der Autor zu dem Schluss, es gebe eine „zionistische Elite“, die das kapitalistische System dazu benutze, um – wieder einmal – die Weltherrschaft zu erlangen. Das habe sie schon fast geschafft. Doch gebe es derzeit noch Enklaven der Freiheit: Venezuela, den Iran und Nordkorea. Auch dort wolle die Elite ihr unmenschliches System errichten; zu diesem Zweck bereite sie gerade das „Armageddon“ vor. Jeden, der sich dem entgegenstelle, attackiere sie mit dem „abgenutzten Vorwurf des Antisemitismus“ (man sieht: über den „Antisemitismusvorwurf“ beklagen sich Nazis immer und überall).

Sie plane den „universalen homogenen Staat“ (ein Zitat des Holocaustleugners Norberto Ceresole, der jahrelang eine Art Hofprediger des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez war und, wie manche glauben, Chávez in dieser Zeit zu dem Judenhasser gemacht hat, der er heute ist). Die Europäische Union – das ist wohl eine Überraschung – werde nach und nach alle Staaten der Welt absorbieren. Die Zionisten glaubten, Gottes auserwähltes Volk zu sein (auch dies darf natürlich nicht fehlen) und ein göttliches Recht zu besitzen, sich die Welt untertan zu machen. Das könne man in den „Protokollen der Weisen von Zion“ schließlich nachlesen. Organisationen, die von „Verschwörungstheoretikern“ (sic!) bezichtigt würden, die Weltherrschaft anzustreben – der Council on Foreign Relations, die Bilderbergkonferenz, die Illuminaten oder die Freimaurer –, seien in Wahrheit nur ein Teil der zionistischen Macht, der „genozidalen zionistischen Elite“, die den „Mythos des Holocaust“ (der „nachweislich falsch und mathematisch unwahrscheinlich“ sei) dazu benutze, den Planeten zu kontrollieren. Die Vereinten Nationen und die Organisation Amerikanischer Staaten seien völlig unter der Kontrolle der Zionisten (da fragt man sich, warum sie überhaupt keinen Gebrauch davon machen). Sie beherrschten die USA, hätten den Kalten Krieg für ihre Zwecke benutzt und, als sie dessen müde geworden seien, die Perestroika angeordnet, um die Sowjetunion zu zerstören.

Samuel Huntingtons Buch über den Clash of Civilizations sei das Drehbuch, nach dem die Zionisten handelten. Es sei inzwischen klar, dass das World Trade Center durch eine „kontrollierte Explosion“ zum Einsturz gebracht worden sei. Osama bin Laden sei nie gefunden worden, weil er in Wirklichkeit für die Zionisten arbeite. Um die „Neue Weltordnung“ aufzubauen, müsse ein Teil der Weltbevölkerung vernichtet werden. Dazu seien in den vergangenen Jahren bereits einige Testläufe unternommen worden: BSE (2002), SARS (2003), die Vogelgrippe (2003) und kürzlich die H1N1-Grippe. Die Krankheitserreger hätten die Zionisten ebenso im Labor hergestellt wie den Aids-Virus, den sie durch Polio-Impfungen in Afrika verbreitet hätten. Das Ziel dieser Seuchenexperimente sei der „globale Genozid“: die Verbreitung eines Supervirus durch Convenience Food oder Zahnpasta, Produkte, die bekanntlich nur von Zionisten hergestellt werden. Dieses „Armageddon“ planten sie für das Jahr 2012; durch Filme, die Endzeitstimmung erzeugten, und die von ihnen erfundene Theorie der Klimaerwärmung bereiteten sie die Welt jetzt schon darauf vor. Damit sei auch klar, warum die US-Armee historische Kulturschätze im Irak zerstört habe: Diese hätten beweisen können, dass die mesopotamische Kultur älter ist als die hebräische, was die Juden natürlich unmöglich hätten erlauben können. Die anderen Religionen wollten sie zersetzen, indem sie das Vertrauen ihrer Anhänger untergrüben – beispielsweise indem sie Pädophilenskandale in der katholischen Kirche ins Rollen brächten. Noch allerdings sei Widerstand möglich, denn – und das ist der einzig wahre Satz in diesem Text: „Wir sind Millionen.“

Man kann wohl sagen, dass dieser Artikel über den gewöhnlichen antisemitischen Wahn hinausgeht, selbst nach venezolanischen Maßstäben. Wer sich nicht mehr die Zähne putzt, weil er fürchtet, dass die Juden ihn vergiften wollen, sticht aus der Masse der Antisemiten schon ein Stück hervor. Er ist aber kein isolierter Einzelgänger, sondern den anderen bloß vorausgeeilt. Dass ein solcher Beitrag auf der – von der venezolanischen Regierung finanzierten – Website Aporrea erscheinen kann, zeigt ja, dass er zumindest für diskutabel gehalten wird. Was ihn so bemerkenswert macht, ist die blühende Fantasie des Verfassers – sein Weltbild aber ist gar nicht singulär. Denn es ist unter Chavisten gang und gäbe, zu glauben, die Juden seien eine „okkulte Macht“, die alle Regierungen, großen Konzerne, die Presse und natürlich Hollywood beherrscht. Fast schon moderat muss man da wohl einen Chavisten nennen, der sie nicht gleich umbringen will, sondern sich vorgenommen hat, „sie in Menschen zu verwandeln“. Traurig, aber wahr: Wer irre antisemitische Positionen vertritt, wird in Lateinamerika weder verlacht noch angefeindet, sondern kann sogar zum Staatspräsidenten gewählt werden. Man denke nicht nur an Hugo Chávez, sondern zum Beispiel auch an seinen Freund, den ehemaligen honduranischen Präsidenten Manuel Zelaya, der Reportern erzählte, er werde von Juden mit außerirdischen Strahlenkanonen traktiert.

Die über zweitausendjährige Geschichte des Antisemitismus lehrt: dass eine Pogromstimmung, wie sie in Venezuela erzeugt wird, früher oder später auch zum Pogrom führt; dass die Antisemiten den Juden in der Regel genau das unterstellen, was sie selbst gegen sie planen (etwa einen Genozid); und dass, wenn der Antisemit die Juden als das alles beherrschende, absolute Böse darstellt, sich mit nicht weniger als mit ihrer Vernichtung zufrieden geben wird. Was Venezuela von anderen lateinamerikanischen und europäischen Ländern mit starken antisemitischen Bewegungen unterscheidet, ist, dass der Antisemitismus in Venezuela von der Regierung angefacht wird, durch Propaganda, Verdächtigungen und Razzien in jüdischen Einrichtungen. „Sie hören wahrscheinlich von vielen antisemitischen Vorfällen, doch da, wo wir leben, wird der Antisemitismus gebilligt; er kommt vom Präsidenten, von der Regierung und über die Medien“, sagte Abraham Levy Ben Shimol, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Venezuelas, letztes Jahr auf der Konferenz des World Jewish Congress.

In Caracas ist selbst für Nichtjuden das Risiko sehr groß, auf der Straße umgebracht zu werden. Verfolgt werden nicht die Mörder, sondern Zeitungen, die über die Morde berichten. Auf die Polizei kann sich in Venezuela niemand verlassen. Welche Angst müssen dann erst die venezolanischen Juden haben? Und wer wird den Mob stoppen, wenn er zu der Ansicht gelangt, dass der Propaganda gegen die Juden endlich Taten folgen müssen? Im Januar 2009 wurde in Caracas eine Synagoge überfallen und verwüstet. Im Juni 2009 wurde das Haus eines jüdischen Politikers von einem chavistischen Mob angegriffen und mit Hakenkreuzen beschmiert. Immer wieder werden antisemitische Parolen an öffentliche Gebäude oder Häuser jüdischer Familien gesprüht. Angesichts solcher Bilder ist es verständlich, wenn manch ein venezolanischer Jude Chávez mit Hitler vergleicht und sagt: „Für die Juden gibt es in Venezuela keine Zukunft.“

* Stefan Frank ist freier Journalist. Auf seiner Homepage ist eine Auswahl seiner Texte und Interviews zu finden.

Zum Foto: Der „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ und seine Baumeister – Hugo Chávez und Mahmud Ahmadinedjad feiern die Eröffnung einer (garantiert nichtjüdischen) Ölquelle am Orinoco River Basin im Südosten Venezuelas, 18. September 2006.

Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Webportal Artikel 7: De tandpasta van de wijzen van Sion.

No pas(s)aran

Kleine Preisfrage: Warum wohl hat sich kein deutsches Medium für die folgende Meldung der palästinensischen Nachrichtenagentur Ma’an* interessiert?

Die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) enthält Bewohnern von Gaza ihre Pässe vor, sagte eine palästinensische Menschenrechtsorganisation am vergangenen Donnerstag. Das Al-Mezan Center for Human Rights hatte im Juni den in Ramallah ansässigen Premierminister Salam Fayyad angeschrieben und ihn nachdrücklich gebeten, sich an die Gesetze zu halten und niemanden bei der Passvergabe zu benachteiligen. Seitdem hat die Vereinigung nach eigenen Angaben weitere Beschwerden im Auftrag von Bürgern eingereicht, denen der Reisepass verweigert wurde. Die PA habe jedoch auf keine dieser Eingaben reagiert. Zu den Klägern gehören Al-Mezan zufolge Ahmed Abu Fou’ad, der an Krebs erkrankt ist, Mohammed Subeh, der eine Augenoperation benötigt, und der Rettungssanitäter Alaa’ Sarhan, der wegen einer Verletzung durch ein Schrapnell sowie aufgrund urologischer Probleme dringend auf einen Chirurgen angewiesen ist. Auch der Rat der palästinensischen Nichtregierungsorganisationen für Menschenrechte hatte laut dem Bericht von Al-Mezan an Fayyad die Bitte gerichtet, sich um diese Fälle zu kümmern, aber ebenfalls keine Antwort erhalten. Al-Mezan rief die PA und insbesondere deren Innenministerium dazu auf, die Bürgerrechte zu respektieren. Eine Ungleichbehandlung der Bürger auf der Grundlage politischer Zugehörigkeiten oder Ansichten führe zu „ungeheuerlichen Verletzungen der Menschenrechte und der Rechtsgrundsätze“.

Die Antwort auf die eingangs gestellte, zugegeben rhetorische Frage fällt nicht schwer: Die Nachricht wurde ignoriert, weil das darin dargelegte Problem selbst beim schlechtesten Willen nicht Israel angelastet werden kann. Allenthalben wird die Aufhebung der israelischen Blockade des Gazastreifens verlangt, den sich ganz besonders kritisch dünkende Köpfe gern „das größte Freiluftgefängnis der Welt“ nennen. Auch der Deutsche Bundestag machte sich unlängst einstimmig diese Forderung zu Eigen und rief nach einer „unmittelbare[n], bedingungslose[n] und dauerhafte[n] Öffnung von Zugängen zu Gaza für den Verkehr von [...] Personen nach und aus Gaza“. Dabei können die im Gazastreifen lebenden Palästinenser ihr angebliches Gefängnis durchaus verlassen, beispielsweise über den Grenzübergang Rafah nach Ägypten. Nur brauchen sie dafür zwangsläufig gültige Pässe – die von der Palästinensischen Autonomiebehörde jedoch ebenso wenig an die Hamas herausgerückt werden, wie die Hamas ihrerseits Dokumente für Fatah-Mitglieder ausstellt.

Das heißt, um im Bild zu bleiben: Die Wärter des „größten Freiluftgefängnisses der Welt“ sind selbst Palästinenser. Und genau deshalb hört und sieht man auch nichts von den zahllosen ach so pro-palästinensischen Aktivisten, die noch im Schlaf jede vermeintliche israelische Missetat der vergangenen 62 Jahre herunterbeten können. Kein Norman Paech, der sich über die diskriminierenden Praktiken von Hamas und Fatah gegenüber Angehörigen der jeweils anderen Fraktion echauffiert. Keine Katholiken von Pax Christi, die vor einer humanitären Katastrophe warnen. Und keine Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW), die es für einen Skandal halten, dass schwer kranke Gazaner daran gehindert werden, die notwendige medizinische Versorgung im Ausland zu bekommen. Doch das verwundert nicht: Als (vermeintliche) Opfer der Israelis werden die Palästinenser von den „Israelkritikern“ stets geschätzt und verehrt, aber ansonsten sind sie nicht solidaritätsfähig. Quod erat demonstrandum.

* Übersetzung: Lizas Welt

Zum Foto: Jeglicher Sympathien für die Fatah oder gar für Israel garantiert unverdächtig – Lauren Booth, die Schwägerin des früheren britischen Premierministers Tony Blair, nimmt vom Hamas-Führer Ismail Haniya einen palästinensischen Pass entgegen. Gaza, September 2008. (Siehe auch den Beitrag von Lisa Goldman auf Pajamas Media, „Tony Blair’s sister-in-law’s Gaza media circus“.)

Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Webportal Amsterdam Post: No pasaran!

Putztausend!

Mit der Hamas reden? Aber ja doch, dachte sich, nicht zum ersten Mal übrigens, die Ulrike Putz. Und zog – ausgerüstet mit Notizblock, Fotoapparat und Kopftuch – los, um für Spiegel Online nach geeigneten Gesprächspartnern zu suchen, die der Judenmörderbande angehören. Die fanden sich rasch und gaben der deutschen Journalistin gegenüber nachgerade Erschütterndes zu Protokoll: „Dissidenten“ würden bedroht und um die Ecke gebracht; anschließend werde alles „vertuscht“. Überhaupt geht es der Gotteskriegerpartei gar nicht gut: „Drei Jahre nach der Machtübernahme der Radikalislamisten im Gazastreifen wenden sich ihre Anhänger in Scharen ab“, resümiert Putz; enttäuscht seien „sowohl die moderaten als auch die extremen Mitglieder der Organisation, am rechten wie am linken Rand macht sich Unmut breit“. Dabei könnte alles so schön sein, würde nur auf den Rat der Alten und Weisen gehört:

„Die Partei ist in Falken und Tauben gespalten“, sagt Sajed Abu Musameh, einer der sieben Gründer der Hamas und moderater Kritiker der eigenen Bewegung. Viele Männer seiner Generation seien mit Juden aufgewachsen, sagt der 63-Jährige, der nach wie vor Mitglied der Parteiführung ist. Viele dieser Älteren glaubten an ein friedliches Zusammenleben, nicht an die Macht von Raketen und Selbstmordanschlägen. „Doch die Partei wird heute von den jungen Radikalen beeinflusst, sie stellen die Mehrheit der Mitglieder, ihnen reden unsere Führer nach dem Mund.“ Ginge es nach Abu Musameh, würde die Hamas versuchen, ihre Ziele ausschließlich politisch zu erreichen. „Ich bin gegen Gewalt“, sagt er in seinem von Granatapfel- und Pfirsichbäumen verschatteten Garten. Sich von der von ihm gegründeten Organisation lossagen will der Lehrer jedoch nicht. „Ich will die Bewegung von innen ändern. Wir können den Extremisten nicht das Feld überlassen.“ Ein paar seiner Gesinnungsgenossen jedoch wollten austreten oder seien bereits in die innere Emigration gegangen.

Es ist förmlich zu spüren, wie die Augen der 1973 Geborenen unter den Schatten spendenden Granatapfel- und Pfirsichbäumen leuchteten. Denn so manche Parallele zu historischen Ereignissen in Putzens Herkunftsland drängte sich ja geradezu auf: Wollten die älteren Nazis damals nicht recht eigentlich auch das Gute? Sind sie nicht auch mit Juden aufgewachsen? Glaubten sie als Tauben nicht auch an ein friedliches Zusammenleben? Waren sie als moderate Kritiker ihrer eigenen Bewegung nicht auch gegen Gewalt? Wollten sie ihre Ziele nicht auch ausschließlich politisch erreichen? Wurde die NSDAP nicht auch von den jungen Radikalen a.k.a. Falken beeinflusst, die die Mehrheit der Mitglieder stellten und denen die Führer nach dem Mund redeten? Und sind nicht ungezählte Deutsche damals in die Partei eingetreten, um sie von innen zu ändern – weil sie den Extremisten nicht das Feld überlassen wollten –, dann aber wieder ausgetreten oder in die innere Emigration gegangen?

Einen Unterschied zu damals gibt es zum Glück: Heute haben die Juden einen Staat samt schlagkräftiger Armee, um sich gegen ihre vernichtungswütigen Feinde zur Wehr zu setzen. Da fällt eine postnazistische deutsche Korrespondentin, die an einen Antisemitismus mit menschlichem Antlitz glaubt wie ein vierjähriges Kind an den Weihnachtsmann, nicht weiter ins Gewicht. Nicht einmal dann, wenn sie die israelische Spezialeinheit, die dem Treiben der „Free Gaza“-Flotte ein Ende bereitete, instinktsicher als „Einsatzkommando“ bezeichnet, Benjamin Netanyahu dadurch zu einem israelischen Heinrich Himmler macht und also zeigt, wer für sie die neuen Nazis sind.

Zum Foto: Antisemitismus mit menschlichem Antlitz – Hamas-Mitglieder winken freundlich ins Publikum. Gaza, Oktober 2006. (Anmerkung: Ursprünglich war dieser Beitrag mit einem Foto bebildert worden, das nicht, wie irrtümlich angenommen, Hamas-, sondern Hizbollah-Mitglieder beim Entbieten des so genannten Hitlergrußes zeigt. Lizas Welt bittet diesen Fehler zu entschuldigen.)

Mein Freund, der Baum

Noch eindeutiger hätte die Sachlage gar nicht sein können: Die israelische Armee will im Grenzgebiet zum Libanon sichtbehinderndes Gehölz entfernen, das Terroristen – zuvörderst denen der Hizbollah – im Falle eines Angriffs auf den jüdischen Staat einen gefährlichen Schutz bieten würde. Diese routinemäßigen Rodungsarbeiten werden gegenüber den Vereinten Nationen, genauer gesagt: bei deren im Libanon stationierter Einheit namens Unifil, rechtzeitig angekündigt; die libanesische Armee wird von den Uno-Blauhelmen entsprechend informiert. Das Fällen des störenden Baumes findet, das wird von der Unifil später bestätigt, vollständig auf israelischem Territorium statt. Doch das ficht die libanesische Armee nicht an: Sie eröffnet – wie sie anschließend freimütig zugibt und wie auch die Unifil einräumt, die den libanesischen Soldaten gleichwohl Rückendeckung gibt – unvermittelt das Feuer und erschießt gezielt den 45-jährigen israelischen Oberstleutnant Dov Harari; der 30 Jahre alte Reservist Ezra Lakia wird schwer verletzt. Die israelische Armee verteidigt sich; dabei kommen zwei libanesische Soldaten und ein libanesischer Journalist ums Leben. Der Hizbollah-Führer Hassan Nasrallah und der libanesische Präsident Michel Suleiman ergehen sich in schwülstiger Kriegsrhetorik; Gleiches gilt für den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad.

Wie gesagt: Die Sachlage ist gänzlich unstrittig. Israels Armee hat völlig korrekt und zulässig gehandelt; der Angriff am vergangenen Dienstag ging eindeutig von ihrem libanesischen Widerpart aus, der zudem angekündigt hat, bei nächster Gelegenheit wieder so zu handeln. Einen Tag zuvor hatte die Hamas von ägyptischem Territorium aus Raketen auf den südisraelischen Badeort Eilat abgefeuert. Kurzum: Binnen zwei Tagen gab es kriegerische Aktivitäten gegen Israel aus dem Libanon, aus Syrien und aus dem nach Ägypten verlängerten Gazastreifen. Umso bezeichnender ist es, wie die Reaktion deutscher Medien ausfiel, die mit dem Terminus Desinformation nur unzureichend umschrieben ist; vielmehr handelte es sich einmal mehr um schiere Ideologieproduktion, wofür bereits die dümmliche Überschrift eines Beitrags auf Spiegel Online – „Gefällter Baum provoziert blutiges Feuergefecht“ – einen Beleg liefert. Als ob es sich um eine aus dem Ruder gelaufene nahöstliche Auseinandersetzung zum Thema Waldsterben gehandelt hätte, die – wie könnte es auch anders sein? – von Israel eröffnet wurde! Noch doller trieb es jedoch die Süddeutsche Zeitung, die ihren Korrespondenten Thomas Avenarius einen Kommentar schreiben ließ. Auch der brach die Gründe für den „Streit“ (!) allen Ernstes auf forstspezifische Differenzen herunter und lästerte:

Ein einsamer Baum auf einem schlecht markierten Grenzstreifen löst einen handfesten Krieg aus: Im Bauerntheater ließe sich das Versagen von Politik und der Triumph skrupelloser Kriegstreiberei mit so einer absurden Geschichte bildhaft inszenieren. Im Nahen Osten braucht es für solche, von politischer Dummheit durchsetzten Lehrstücke keine dörfliche Theaterkulisse. Die Akteure tun alles dafür, das Schauspiel im echten Leben wahr werden zu lassen: Vier Tote im Streit um einen Baum im israelisch-libanesischen Grenzgebiet, einen Baum, der der einen Armee die Sicht versperrt und der anderen zur Frage der nationalen Ehre wird. Dazu widersprüchliche Angaben über den Verlauf der Grenze und den Standort des hölzernen Gewächses, Beschuldigungen, Drohreden, Gefuchtel mit geladenen Waffen. Viel fehlt nicht mehr, und die Historiker können einen neuen israelisch-libanesischen Krieg im Geschichtsbuch vermerken.

Arroganz meets Äquidistanz. Und die politische Dummheit, die Avenarius hier anderen zuschreibt, ist sein eigenes Markenzeichen. Im so genannten Nahostkonflikt ist den Feinden Israels jeder noch so kleine Vorwand billig, um die Existenz des jüdischen Staates grundsätzlich in Frage zu stellen und Maßnahmen zu seiner Liquidierung ins Werk zu setzen – gehe es dabei nun um die angebliche Gefährdung der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem durch israelische Bauarbeiten oder eben um einen simplen Baum, der kein Problem darstellte, gäbe es nicht die Hizbollah, der derlei Sichtschutz für ihre Absichten überaus zupass kommt. Doch für „Israelkritiker“ wie Thomas Avenarius ist alles eine Soße: „Widersprüchliche Angaben“, wo längst Klarheit herrscht, „Beschuldigungen“, wo die Schuldfrage beantwortet ist, „Drohreden“, wo nur eine Seite droht, und „Gefuchtel mit geladenen Waffen“, wo unzweifelhaft die eine Seite die andere angegriffen hat. Wieder einmal wird überdeutlich, dass das Einnehmen einer vermeintlich unparteiischen Position in Wahrheit eine faktische Parteinahme für diejenigen ist, die Israel den Garaus machen wollen.

Und dies zumal, wenn man anschließend einen veritablen Kriegstreiber als moralische Instanz aufruft: „Syriens Präsident Bashar al-Assad hat vor einem neuen, einem großen Nahostkrieg gewarnt. Auch wenn der Hizbollah-Freund Assad kein Unbeteiligter ist, sollte man ihm in dieser Frage Gehör schenken.“ Und warum sollte man das? Weil Syrien dem Mann von der Süddeutschen zufolge im angeblichen Schachspiel Nahostkonflikt „als Springer“ fungiert – „beweglich, aber schnell bedroht“. Was diese Beweglichkeit ausmachen soll, führt Avenarius so wenig aus wie die Antwort auf die Frage, worin die Bedrohung eigentlich bestehen soll. Womöglich ist er in seinen Vergleich mit der Königsdisziplin derart verliebt, dass er sich um die Details bloß teilweise schert. Schließlich glaubt er zu wissen, dass „das Konfliktmanagement“ denen überlassen bleibt, „die Interesse an einem neuen Krieg haben: den Militanten der Hizbollah und den Betonköpfen in der israelischen Armee“. Wobei der Terminus „Militante“ – abgesehen davon, dass er eine Verniedlichung des Terrors ist – eine gewisse Aktions- und Bewegungsfähigkeit suggeriert, während der Begriff „Betonköpfe“ für Sturheit und Unbeweglichkeit steht.

So sieht sie aus, die „Israelkritik“. „Jeder Evidenz ins Gesicht zu lügen und aus in Notwehr handelnden Soldaten kaltblütige Mörder zu machen – das ist die Wahrheit der Antisemiten“, stellte die Redaktion der Zeitschrift Bahamas kürzlich treffend fest. Und das gilt für die Teilnehmer der „Free Gaza“-Flotte genauso wie für den Korrespondenten einer überregionalen, so genannten Qualitätszeitung.

Zum Foto: Die Kollaboration der Vereinten Nationen mit den Feinden Israels – ein Unifil-Soldat (mit blauem Barett) fordert die israelische Armee zur Zurückhaltung auf, während ein libanesischer Soldat die Panzerbüchse im Anschlag hat.

Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Weblog Loor Schrijft: Mijn vriend, de boom.

Jüdische Siedler sind religiös besessene, rassistische, niederträchtige Araberfresser, die sich jedem Kompromiss notfalls mit Gewalt widersetzen und ohne die der Nahe Osten längst eine Oase des Friedens und der Brüderlichkeit wäre – so oder so ähnlich dürfte sich jedenfalls die hierzulande vorherrschende Ansicht ohne sonderliche Übertreibung zusammenfassen lassen. Judah Ben-Yosef aus Ma’ale Adumim ist eine dieser vermeintlich so sinistren Gestalten – und er trifft regelmäßig wie freiwillig jene, die kaum einen Hehl daraus machen, dass sie ihn und Seinesgleichen für eine Ausgeburt des Gottseibeiuns halten. Hier schildert Ben-Yosef, wie diese Begegnungen in aller Regel verlaufen.*


VON JUDAH BEN-YOSEF


Es mag paradox klingen, aber es gibt tatsächlich Menschen, die einen anscheinend nur dann mögen, wenn man gemein zu ihnen ist. Ein gutes Beispiel dafür sind die Gruppen von deutschen Journalisten, Politikern und Akademikern, die von ihrer Regierung nach Israel geschickt werden. Nachdem sie mit israelischen Persönlichkeiten und Experten aus vielen verschiedenen Bereichen gesprochen haben, kommen sie nach Ma’ale Adumim, um mich, den Siedler Judah Ben-Yosef, zu treffen.

Ihr komfortabler, klimatisierter Bus hält vor unserem Einkaufszentrum, und ich springe in ihn mit einer Leichtigkeit hinein, die keinen Rückschluss auf mein Alter zulässt. Irgendwie ist immer eine Frau mit kurzen Haaren dabei, die meine Hand schütteln will. Ich versuche das eigentlich zu vermeiden, doch jedes Mal stürzt es mich von Neuem in einen Zwiespalt, sodass ich es letztlich doch tue, um uns beiden die Peinlichkeit zu ersparen.

Vor kurzem wurde ich höflich gebeten, Sarkasmus und andere Formen von Humor zu vermeiden, da beides Verhaltensweisen sind, die eindeutig nicht mit dem von CNN und BBC vermittelten Bild der Siedler konform gehen. Wir sollen entweder naiv oder mit verklärtem Blick in der Bibel lesende, bärtige Cowboys oder in Brooklyn geborene, grausame und mitleidlose Kriegstreiber sein. Die bösen Buben in den alten Filmen hatten nie Sinn für Humor. Ich jedoch kann mich nicht beherrschen und beginne mit einem Witz.

„Willkomen in Ma’ale Adumim, der zweitgrößten Stadt in Judäa und Samaria. Mein Name is Judah Ben-Yosef, ich lebe hier seit 25 Jahren, und wir freuen uns immer, wenn wir Gäste empfangen dürfen. (Skeptische Blicke.) Ich weiß, dass niemand von Ihnen eine vorgefasste Meinung darüber hat, wie eine Siedlung oder ein Siedler aussieht. (Einige lächeln.) Ich weiß, dass Sie alle vollkommen objektiv sind und bereit, unvoreingenommen zuzuhören und zu lernen.“ Das ist zu viel. Das Lachen bringt den Bus förmlich zum Wackeln, während die Journalisten aus dem Westen bei dem absurden Gedanken, dass sie tatsächlich unvoreingenommen hierhin gekommen sein könnten, geradezu hysterisch werden. Offene Münder: immer – offene Hirne: kaum jemals.

Für sie gibt es – schon lange bevor sie mich getroffen und irgendetwas gesehen haben – gewisse unleugbare und unwiderlegbare Wahrheiten. Wir sind alle „Friedenshindernisse“, „Teile des Problems“ und leben „auf gestohlenem palästinensischen Land“; trotzdem geht es mir gut. Die Sonne scheint über den Hügeln von Judäa, und mein Zuhause sieht schöner aus denn je. Meine Gäste scheinen mein Englisch zu verstehen, und – das ist das Wichtigste – sie scheinen einen guten Gag zu würdigen, wenn sie ihn hören.

Vor ungefähr vier Jahren habe ich angefangen, gelegentlich für die deutsche Regierung zu arbeiten. Ich machte mir keine Illusionen, dass – nach ungefähr zwei Wochen sorgfältiger Gehirnwäsche durch arabische Wortführer und, viel schlimmer noch, durch die israelische Linke – die zwei Stunden mit mir nennenswert dazu beitragen können, Meinungen zu ändern. Aber ich bin Schachspieler, daher habe ich mir drei Ziele gesetzt, die nach meinem Dafürhalten realistisch und erreichbar sind:

  • Erstens: die tatsächliche Größe einer real existierenden Stadt mit 40.000 Einwohnern zu vermitteln. Ich hoffte, dass dies für eine Delle im Stereotyp der jüdischen Siedlung mit zwei Zelten, einer Ziege und einer Fahne würde sorgen können.
  • Zweitens: zu zeigen, dass Ma’ale Adumim noch nie in der Geschichte ein Teil irgendeines palästinensischen oder arabischen Staates war, dass niemand außer ein paar Mönchen im 13. Jahrhundert je hier gelebt hat und dass es im Land viele andere unfruchtbare Berghöhen gibt.
  • Drittens: zu zeigen, dass wir nicht alle religiöse rechtsradikale Fanatiker sind (wie ich), sondern dass die Bevölkerung von Ma’ale Adumim aus einem Querschnitt der israelischen Bürger besteht: Religiöse, Säkulare und andere, neu Eingewanderte und Alteingesessene, Rechte, Menschen der Mitte und sogar einige vom linken Flügel.

Mein Hauptziel ist es, Stereotype ins Wanken zu bringen. Ich glaube, wenn ein intelligenter Mensch merkt, dass manche der Klischees, die man ihm „verkauft“ hat, nicht der Wirklichkeit entsprechen, dann wird er vielleicht anfangen, sie zu hinterfragen.

In vielerlei Hinsicht sind es die ersten paar Minuten, die bestimmen, wie weit die Tour mit mir jeden einzelnen Menschen beeinflusst. Sie alle schauen aus den Fenstern und sehen eine malerische, friedliche, moderne, gut gepflegte westliche Stadt. Dieses Bild ist unweigerlich das genaue Gegenteil von allem, was man ihnen zu erwarten beigebracht hat. Wenn vorgefasste Meinungen mit der Wirklichkeit konfrontiert werden, ist man erst einmal schockiert oder durchlebt sogar eine Krise. Ganz grundsätzlich kann man drei typische Reaktionen darauf beobachten:

  • Einige entscheiden sich dafür, lieber auf die umliegenden Berge als auf die Stadt zu schauen. Sie werden es in der Folge vorziehen, sich auf das große Ganze zu konzentrieren, da sie begriffen haben, dass sie herzlich wenig über die Details wissen.
  • Dann gibt es jene, die ehrlich zu glauben scheinen, dass Ma’ale Adumim ein Teil irgendeines cleveren Schauspiels der israelischen Regierung ist, das aufgeführt wird, um Besucher wie sie in die Irre zu führen.
  • Ab und zu jedoch treffe ich wirklich ehrliche Menschen, die aufnehmen, was man ihnen erzählt, die Fragen stellen und nicht versuchen, mich bei irgendetwas zu „ertappen“, sondern wirklich etwas wissen wollen. Überraschenderweise gibt es zwei Gruppen von Journalisten, die in dieser Kategorie herausragen: Die einen sind Journalisten aus der früheren DDR, die anderen sind muslimische deutsche Journalisten und Akademiker.

Die Tour ist eigentlich nur das Vorspiel. Nach ungefähr einer Stunde setzen wir uns endlich zusammen, um zu reden. Ich halte einen Vortrag, und dann stellen sie Fragen. Mit der Zeit habe ich diesen Vortrag immer stärker gekürzt, da sie so viele Fragen stellen und wir sowieso nie genug Zeit haben. Die Themen reichen von der Theologie über die Erziehung, den Zionismus und den Islam bis hin zu meinen Erwartungen für die Zukunft. Und wie die Dinge nun mal sind: Manche Fragen kommen jedes Mal, andere erstaunen mich durch ihre Originalität. Einige Gäste zeigen ein riesiges Unwissen, andere überraschend gute Kenntnisse. Als eine persönliche Herausforderung versuche ich, niemals eine Antwort zweimal zu geben.

Einige der Fragen, die immer gestellt werden, sind diese: Warum würde jemand wie Sie sich dafür entscheiden, London zu verlassen, um hierher zu kommen und hier zu leben? Leben auch Nichtjuden in Ma’ale Adumim? Was würden Sie tun, falls Ihre Regierung beschließen würde, Ma’ale Adumim zu evakuieren? Würden Sie Widerstand leisten? Haben Sie irgendwelche palästinensischen Freunde? Akzeptieren Sie die Idee einer Zweistaatenlösung?

Es gibt eine Entscheidung, die ich am Anfang getroffen habe, und die war, niemals den Holocaust zu erwähnen. Das wäre sozusagen meine atomare Option. Die würde ich für den Tag aufheben, an dem ich keine Antwort mehr wüsste. Gott sei Dank ist dieser Tag nie gekommen.

Ich muss aber zugeben, dass ich in Versuchung war. Als ein großer blonder Mann mit blauen Augen – so kalt, dass sie Wasser in Eis hätten verwandeln können – mich anging, wie ich einen jüdischen Staat aufrecht erhalten wolle angesichts der Herausforderung, die die palästinensische Geburtenrate darstelle, war ich beinahe so weit zu antworten, dass es heute ein weniger großes demografisches Problem gäbe, hätten seine Vorfahren nicht sechs Millionen der Meinigen umgebracht. Aber ich blieb friedlich. Es gibt eine Menge anderer, rationalerer Antworten.

Beim letzten Mal habe ich „es“ allerdings doch getan. Eine nicht unattraktive Journalistin fragte mich, wie ich mich fühlte, wenn ich die ganzen Dinge läse, die über Israel geschrieben würden. Die Frage war nicht besonders provozierend, aber vielleicht war ich einfach schlechter Laune. Womöglich hat mich auch mein fortgeschrittenes Alter die Geduld verlieren lassen. Jedenfalls hatte ich an jenem Tag keine Lust, irgendwelche Spielchen zu spielen. Und so sagte ich, was ich wirklich fühle:

„Das erinnert mich an die Geschichte von dem Mann, der eines Tages unerwartet früh nach Hause kommt und seine Frau mit dem Nachbarn im Bett findet. Er war schockiert. Er war schockiert – aber er war nicht überrascht. (Gelächter – das Timing der Pointe bringt’s.) Bin ich schockiert? Bin ich schockiert, wenn ich die Berichte lese? Natürlich bin ich es. Wer könnte diese Lügen lesen und nicht schockiert sein? Bin ich überrascht? Bin ich überrascht, dass die Enkel der Monster, die meinen Urgroßvater in die Gaskammer zerrten oder ihn lebendig begruben, Artikel schreiben, in denen Israel kritisiert wird? Wie überrascht sollte ich sein?“ (Unbehagliche Stille.)

Danach gab es weitere Fragen, und nach der bizarren Zeremonie, Visitenkarten mit Leuten zu tauschen, die in einem Land leben, das ich weder in diesem Leben noch im nächsten je zu besuchen beabsichtige, bedankte sich der Leiter der Gruppe bei mir, es gab höflichen Applaus, und bald waren meine Gäste zurück in ihrem Bus. In wenigen Minuten würden sie unbeschwert auf dem Weg zum Toten Meer sein.

Ich vermute, ich habe endlich das Alter erreicht, in dem es mir weniger bedeutet, was die Leute von mir denken. Es hat lange gedauert, wie meine neue Liebe zu ungesüßtem Pfefferminztee, aber ich habe immer gewusst, dass irgendwann der Tag dafür kommen würde.

Zwei Tage später erhielt ich eine E-Mail:

Lieber Judah,

noch einmal vielen Dank dafür, dass Sie bereit waren, sich mit der Gruppe zu treffen.

Ihre Tour durch Ma’ale Adumim hat ein sehr gutes Feedback von den Teilnehmern bekommen.

Beste Grüße,

(Name des Unterzeichners)

Wie ich schon sagte: Das Paradoxe ist, dass einige Leute einen nur zu mögen scheinen, wenn man fies zu ihnen ist. Und ich bin ein fieser jüdischer Siedler.

* Der Beitrag erschien unter dem Titel One Mean Jewish Settler auf Judah Ben-Yosefs Weblog. Übersetzung: Lizas Welt, mit freundlicher Genehmigung des Autors, von dem auch das Foto stammt.

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A man with a plan

Der Vorschlag, den Avigdor Lieberman da unlängst über die Tageszeitung Yedioth Ahronoth durchsickern lassen hat, ist so simpel wie brillant: Geht es nach dem israelischen Außenminister, dann soll Gaza so bald wie möglich eine eigenständige politische Entität werden, die unter internationale Betreuung – vor allem durch die Europäische Union – gestellt wird. Konkret hieße das: Israel würde die Seeblockade des Gazastreifens aufheben; eine Kontrolle anlaufender Schiffe auf Waffen und andere Gefahrgüter würde dann – entweder in griechischen Häfen oder im zyprischen Limassol – beispielsweise von der wenig zimperlichen französischen Fremdenlegion übernommen werden. Zudem sollen die Europäer eine Wasserentsalzungsanlage, ein Klärwerk, ein Kraftwerk zur Stromerzeugung sowie neue Unterkünfte für die Bewohner in Gaza bauen und Maßnahmen zur Verbesserung der dortigen wirtschaftlichen Situation ergreifen. Israel wiederum würde seine Grenze zum Gazastreifen abriegeln und jegliche (Rest-) Verantwortung für den Landstrich endgültig abgeben.

Liebermans furiose Idee ist eine Reaktion auf die permanente Kritik, die aus Europa am jüdischen Staat geübt wird, und sie ist konsequent: Israel hat sich bereits vor fünf Jahren aus dem Gazastreifen zurückgezogen; dennoch – oder gerade deshalb – folgten ein Raketenhagel, die Entführung des Soldaten Gilad Shalit und fortgesetzte Vernichtungsdrohungen durch die Hamas. Trotzdem liefert Israel weiterhin Strom, Wasser und Hilfsgüter, obwohl es dazu, anders als zu Zeiten der Besatzung, keineswegs verpflichtet ist. Um seine Bürger gleichzeitig vor dem Terror zu schützen, verschärfte es die Grenzkontrollen und blockierte den Seeweg nach Gaza. In Europa hält man dies für eine völkerrechtswidrige Kollektivbestrafung (und schweigt sich zu den mörderischen Folgen des Rückzugs für Israel beredt aus); der Deutsche Bundestag beispielsweise verlangte kürzlich in einer einstimmig verabschiedeten Resolution von Israel „die unmittelbare, bedingungslose und dauerhafte Öffnung von Zugängen zu Gaza für den Verkehr von humanitärer Hilfe, kommerziellen Gütern und Personen nach und aus Gaza“.

Womöglich gab dieser neuerliche Eingriff in die Souveränität des jüdischen Staates – der auch noch mit der anmaßenden Behauptung einherging, „die Blockade Gazas“ sei „kontraproduktiv“ und diene auch „den politischen und Sicherheitsinteressen Israels letztlich nicht“ – den finalen Ausschlag für Liebermans Vorstoß: Wenn die Europäer im Allgemeinen und die Deutschen im Besonderen so gut zu wissen glauben, wie mit dem von der Hamas beherrschten Gazastreifen zu verfahren ist, dann sollen sie es doch einfach selbst richten! Sollen sie selbst mit der „demokratisch gewählten“ Hamas-Regierung handeln und verhandeln! Sollen sie selbst für die Infrastruktur sorgen! Sollen sie selbst der Bevölkerung das Reisen zwar nicht nach Israel oder Ägypten (denn die dortigen Grenzübergänge sind bekanntlich ebenfalls dicht), aber immerhin nach Zypern oder Griechenland ermöglichen! Sollen sie sich selbst mit „Free Gaza“-Konvois und anderen vorgeblich humanitären Missionen herumschlagen!

Für die Europäer zöge das allerdings eine gravierende Veränderung nach sich: Sie hätten sich zwangsläufig von der lieb gewonnenen Gewohnheit zu verabschieden, Israel für alles Übel im Nahen Osten verantwortlich zu machen. Entsprechend verstimmt war Liebermans deutscher Amtskollege Guido Westerwelle: „Wir wollen nicht, dass die Idee eines palästinensischen Staates dadurch gefährdet wird, dass man unterschiedliche Staatsgebiete schafft, sie gewissermaßen voneinander separiert, abtrennt, auch politisch vielleicht gegeneinanderstellt“, ließ er ausrichten. Der Bundesvorsitzende der Freidemokraten hat offenbar entweder ein löchriges Gedächtnis, oder er will es nicht besser wissen; schließlich ist das, was er Israels Außenminister vorwirft, bereits seit mehr als drei Jahren Realität: Seit dem Putsch der Hamas im Juni 2007 – für den Israel selbst beim schlechtesten Willen nichts konnte – existieren zwei unterschiedliche palästinensische Staatsgebiete, die voneinander separiert und politisch gegeneinandergestellt sind. Und daran dürfte sich so schnell nichts ändern.

Lieberman orientiert sich denn auch am Status quo und nicht an wohlklingenden Friedensplänen, die von der palästinensischen Seite noch jedes Mal zum Scheitern gebracht worden sind, notfalls in allerletzter Minute. Diese Orientierung am Status quo bedeutet: Wenn der „Nahostkonflikt“ nicht zur Zufriedenheit aller gelöst werden kann – und das kann er nicht, solange jene Kräfte dominieren, die sich mit der Existenz eines jüdischen Staates in der Region nicht zu arrangieren bereit sind –, gilt es vorrangig, eine Lösung zu verhindern, wie sie denjenigen vorschwebt, die Israel unwiderruflich als Feind betrachten. Ein von Israel gänzlich unabhängiger, unter internationale Obhut gestellter Gazastreifen könnte diesbezüglich durchaus einen Fortschritt darstellen, zumal Israel in mehrerlei Hinsicht wenigstens vorübergehend entlastet würde – auch wenn man Bedenken haben müsste, ob europäische Staaten, die beispielsweise im Rahmen der Unifil-Mission der Wiederaufrüstung der Hizbollah tatenlos zugesehen haben, das Treiben palästinensische Terrorbanden, das sich im Zweifelsfall auch gegen sie richten würde, zu unterbinden imstande wären. Doch auf ein etwaiges Scheitern des Versuchs, so viel ist sicher, wäre man im jüdischen Staat gut vorbereitet; schließlich weiß man dort, dass man sich letztlich nur auf sich selbst verlassen kann.

Möglicherweise wird Liebermans Plan aber schon in der israelischen Regierung keine Mehrheit finden, und wenn doch, dann dürfte er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union abgelehnt werden – offiziell mit einer Begründung à la Westerwelle, recht eigentlich aber vor dem Hintergrund, dass man von der Dämonisierung und Delegitimierung Israels einfach nicht lassen mag. Denn diese Disziplinen sind eine Obsession. Die Europäer betrachteten „Israels Abwehrhandlungen wie unter einem selektiven Vergrößerungsglas“, befand Leon de Winter völlig zu Recht; „dieses Verfahren ermöglicht es ihnen, die Erben der Opfer, die Europas obszönstem Hass – dem Antisemitismus – zum Opfer fielen, als Bösewichte darzustellen und Europa endlich von seinen toten Juden zu befreien“. Für Deutschland gilt dies in ganz besonderem Maße. Und deshalb hat die europäische „Sympathie für die Palästinenser“, wie de Winter weiter schrieb, auch nur „wenig mit deren elenden Lebensbedingungen zu tun“; sie entspringt vielmehr einer lupenreinen Projektion. Was die weiteren Reaktionen auf Liebermans Vorschlag zweifellos neuerlich zeigen werden.

Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Webportal Artikel 7: A man with a plan.

Der „LandessprecherInnenrat der Linksjugend [solid] NRW“ wartet mit einer nachgerade revolutionären Forderung* auf, die ihm so wichtig ist, dass er sie sogar in Majuskeln niedergelegt, also virtuell hinausgebrüllt hat:

EIN STAAT FÜR PALISTINÄNSER UND ISRAELIS

Bereits die eigenwillige Schreibweise des Wortes Palästinenser – die kein Zeichen für einen fortgeschrittenen Analphabetismus sein muss, aber auch nicht bloß einem unsachgemäßen Gebrauch der Tastatur geschuldet ist – verrät den Antisemiten. Denn dass es den Linksparteijugendlichen mitnichten um das Wohl und Wehe der von Israel angeblich Unterdrückten geht, zeigt sich schon daran, dass sie sich nicht einmal die Mühe machen, deren Sammelbezeichnung korrekt zu buchstabieren. Die Palästinenser dienen Judenfeinden lediglich als Projektionsfläche für ihre Sehnsüchte, ansonsten sind sie ihnen herzlich egal.

Hinter der Forderung nach einem Staat „für Palistinänser und Israelis“ steckt nichts weiter als der Wunsch, den jüdischen Staat Israel zum Verschwinden zu bringen, zur Not mit den Mitteln der Demografie. (Und was der Antisemit mangels eigener Macht nicht selbst besorgen kann, überlässt er einstweilen jenen, die eher die Möglichkeiten dazu haben.) Juden nämlich sollen in keinem Land auf dem Erdball eine Majorität bilden dürfen und erst recht keinen eigenen Staat haben, sondern gefälligst zusehen, weltweit wieder als Minderheit zurechtzukommen, und sich ohne die Möglichkeit eines bewaffneten Refugiums den Launen und der Willkür der Mehrheit aussetzen. Wohin das führt, ist sattsam bekannt. Selbstverfreilich auch dem „LandessprecherInnenrat der Linksjugend [solid] NRW“.

* Ein Screenshot findet sich hier.

Das Foto entstammt einer Demonstration von Hamas-Sympathisanten in Berlin am 3. Januar 2009. © Association Antiallemande Berlin

Bye, bye, Blogger

Ein paar hundert Leser haben es bereits gemerkt: Lizas Welt ist umgezogen und hat ein neues Design. Nach knapp viereinhalb Jahren war es höchste Zeit, sich von Blogger zu verabschieden und zu WordPress zu wechseln. Hier ist vieles wesentlich besser und komfortabler. Das alte Blog bleibt – vorerst zumindest – im Netz, wird aber nicht mehr aktualisiert. Der Import der Texte und Bilder hat problemlos funktioniert, allerdings sind die Bilder dabei eingedampft worden und stehen außerdem ein bisschen haltlos in den Beiträgen herum. Das werde ich jedoch vermutlich nicht in all den hunderten älteren Artikeln korrigieren, weil es einfach zu zeitraubend ist; vorerst habe ich mich darauf beschränkt, die Beiträge auf der Startseite anzupassen und sie mit Kategorien sowie Tags zu versehen. Auch die Sidebar ist noch under construction, wie es so schön heißt.

Die Umgewöhnung dürfte sich für die Leser in Grenzen halten, denn der Seitenaufbau entspricht weitgehend dem des alten Blogs. Ein paar Funktionen jedoch sind neu. So besteht nun die Möglichkeit, mit einem Klick auf den Button Share/Save am Ende eines jeden Postings den jeweiligen Text zu facebooken, zu twittern, zu buzzen, zu diggen, zu bookmarken und was die Social Media sonst noch so hergeben; sogar eine PrintFriendly-Fassung eines Beitrags kann man dort bekommen. Durch die Rubriken und Tags werden thematische Suchen erleichtert. Ob ich künftig Kommentare zulassen will, weiß ich noch nicht, aber einen Versuch wäre es vielleicht wert. Ich gestatte das mal bei diesem Beitrag hier, obwohl es da natürlich nicht viel zu kommentieren gibt, außer dass man das neue Design total super oder komplett bescheuert findet.

Außerdem möchte ich darauf aufmerksam machen, dass ich vor ein paar Tagen ein so genanntes Tumblelog eröffnet habe, das ist so eine Art virtuelle Pinnwand. Darauf kommt alles, was ich aus unterschiedlichen Gründen nicht auf den Blog stellen will – kurze Texte, Zitate, Fotos, Audios und Videos. Wer sich hier also langweilt oder neue Texte vermisst, sollte bei Lizas Logbuch (siehe auch den Button in der Sidebar) vorbeischauen, denn dort ist momentan ein bisschen mehr los. Wenn ich meinen Umzug im Leben 1.0 ebenfalls hinter mir habe, wird sich auch hier wieder mehr tun als im Moment.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch mal danke für die vielen Einladungen zu Facebook sagen. Aber dahin will ich nicht. Echt nicht.

Update 18. Juli 2010: Die Kommentarfunktion ist wieder deaktiviert, denn die Moderation ist angesichts zahlloser Trolle entschieden zu viel Arbeit. Dafür gibt es jetzt wieder eine Feedback-Funktion unter den Beiträgen, wie schon im alten Blog. Im Gegenzug ist Lizas Welt nun doch mit einer Seite bei Facebook vertreten. Das ist alles seltsam und inkonsequent? Stimmt. Aber nur wer sich ändert, bleibt sich treu, nicht wahr? Oder so ähnlich.

Update 21. Juli 2010: Jetzt hat auch die Sidebar ein bisschen Sommerfrische abbekommen. Lizas Welt ist ja recht eigentlich ein Weblog zu den Themen Politik und Fußball, aber um Letzteren ging es hier zuletzt viel zu selten. Dafür tragen die einzelnen Rubriken nun Bezeichnungen aus der Welt des Kickens: Was früher beispielsweise die Tagestipps waren, heißt jetzt Gästeblock, der Twitter-Button ist mit Klatsch und Tratsch überschrieben, die ins Englische übersetzten Texte von Lizas Welt firmieren unter Auswärtsspiele, ein E-Mail-Abonnement der Texte lässt sich unter Mitgliedschaft bestellen. Und so weiter und so fort. Nur die Stamm-Elf gab es schon vorher unter diesem Namen. Ist ja auch irgendwie logisch.

Einen Monat nach dem von einer israelischen Spezialeinheit beendeten Versuch eines Bündnisses aus Islamisten und europäischen „Friedensaktivisten“, die israelische Blockade des Gazastreifens zu durchbrechen, hat der Deutsche Bundestag den offenen Bruch mit dem jüdischen Staat vollzogen. Dem Parlament war ein interfraktioneller Antrag zur Entschließung vorgelegt worden, dessen Titel lautete: „Ereignisse um die Gaza-Flottille aufklären – Lage der Menschen in Gaza verbessern – Nahost-Friedensprozess unterstützen“. Was in den Jargon bester Absichten gekleidet war, ist ein Dokument staatsoffizieller Dämonisierung und Delegitimierung Israels. Der Antrag wurde von den deutschen Volksvertretern einstimmig angenommen und ist der parlamentarische Nachvollzug von Meinung und Wahn in der neuesten deutschen Gesellschaft. Einmal mehr taugte das antisemitische Ressentiment hierzulande zur vollständigen und freiwilligen Gleichschaltung.

Jüdische Souveränität? Ohne uns!

Die regierenden Parteien sowie Sozialdemokraten und Grüne hatten die Vorlage geliefert. „Die Militäraktion israelischer Streitkräfte gegen die großenteils unter türkischer Flagge fahrende ‚Gaza-Solidaritätsflotte’ in internationalen Gewässern, circa 130 Kilometer vor der Küste Gazas, am 31. Mai 2010 hat in der ganzen Welt starke Reaktionen ausgelöst“, heißt es dort einleitend.* Bereits der demonstrative Hinweis auf den Ort des Geschehens – an dem die Israelis, so soll man das wohl verstehen, nichts zu suchen noch zu sagen hätten – kündigt dabei die Parteinahme gegen die Legitimität des israelischen Vorgehens an. Die „tragischen Ereignisse“ hätten, so wird nur scheinbar neutral festgestellt, „neun Menschenleben gefordert“. Es folgen Verweise auf das „Völkerrecht“, auf die „Grenzen“ bei der „Anwendung staatlicher Hoheitsgewalt“ und unvermeidlich auf den „Grundsatz der Verhältnismäßigkeit“. Das deutsche Parlament sieht „starke Hinweise“ auf dessen Verletzung.

Die erste Forderung des Bundestages ist dementsprechend die nach einer internationalen „Untersuchung des Einsatzes gegen die ‚Solidaritätsflotte’“. Es geht den Parlamentariern also vor allem um die israelische Reaktion und weniger um die antiisraelische Aktion. Diese Untersuchung solle unter Beteiligung der üblichen Verdächtigen stattfinden, also „von Vertretern des Nahost-Quartetts, dem die EU, die Vereinten Nationen, Russland und die USA angehören“. Doch spätestens seit Obamas Präsidentschaft ist kein einziger verbindlicher Partner Israels mehr in diesem Quartett; die „Untersuchung“ würde deshalb unweigerlich zum Tribunal, dessen Ergebnis von vornherein feststünde. Abgesehen davon stellt dieses Verlangen einen zutiefst anmaßenden Eingriff in die Souveränität des jüdischen Staates dar, dessen eigenständigen Bemühungen, die Ereignisse aufzuklären, man ganz offensichtlich grundlegend misstraut – während man selbst nicht einmal in der Lage ist, mit seiner Bundeswehr im Rahmen der Unifil-Mission die Wiederbewaffnung der Hizbollah zu verhindern.

Aber damit nicht genug: Die vordergründig gescheiterte „Friedensflotte“ wurde vom Deutschen Bundestag doch noch in einen Erfolg verwandelt. So heißt es im Beschluss: „Durch die Ereignisse vom 31. Mai 2010 richtet sich die Aufmerksamkeit der Welt auch auf die Situation der Menschen in Gaza.“ Um eben diese Aufmerksamkeit – an der es in Anbetracht zahlloser in den palästinensischen Gebieten tätiger NGOs, spezieller UN-Einrichtungen und milliardenschwerer Finanzspritzen übrigens ganz gewiss nicht fehlt – ging es den rund 700 „Friedensfreunden“, die sich auf den Schiffen drängten und dabei kaum Platz für angeblich benötigte Hilfsgüter ließen. Das deutsche Parlament schloss sich deren Logik an und behauptet nun mit dem Verweis auf die israelische Blockade und die darbende Wirtschaft in Gaza: „Ein Leben in Würde ist nicht möglich.“ Diese Behauptung und die unzweideutige Zuweisung der Verantwortung dafür an Israel legen die „Lösung“ bereits nahe. Die zweite Forderung folgt darum auch der EU-Linie: Der Bundestag erwartet von Israel „die unmittelbare, bedingungslose und dauerhafte Öffnung von Zugängen zu Gaza für den Verkehr von humanitärer Hilfe, kommerziellen Gütern und Personen nach und aus Gaza“; die Bundesregierung wird angehalten, „die Forderung der Europäischen Union nach einer sofortigen Aufhebung der Gaza-Blockade mit Nachdruck zu unterstützen“.

Deutschland weiß, was Juden wünschen

Das Verlangen nach einem freien Verkehr für Güter wird – da gibt sich der Bundestag ganz naiv – konkret damit begründet, es werde Baumaterial für Schulgebäude benötigt, weil sonst die UN-gestützte „Grundversorgung im Bildungsbereich“ scheitern und die Hamas „die fehlenden Schulangebote“ unterbreiten würde. Dass neu geliefertes Baumaterial zuvörderst für Schulen verwendet werden würde, ist aber mitnichten anzunehmen; vielmehr würden damit vorrangig die durch Israel erfolgreich dekonstruierten Militär- und Bunkeranlagen der Hamas wieder auf- und ausgebaut. Der freie Verkehr für Personen, der vom deutschen Parlament gleichermaßen gefordert wird, lässt zudem angesichts der ideologischen Struktur in Gaza und eingedenk der massenhaften Bereitschaft zum „Märtyrertod“ befürchten, dass bei offenen Grenzen wieder menschliche Bomben ins israelische Kernland einsickern und dort morden würden. Aber darüber schweigen die Bundestagsabgeordneten beredt.

Im Duktus des „ehrlichen Maklers“ heißt es zwar, Israels „legitime Sicherheitsinteressen“ müssten „gewahrt bleiben“, und das „Existenzrecht Israels“ müsse „allgemein anerkannt werden, insbesondere durch die Hamas“. Man wünscht darüber hinaus, dass „der Raketenbeschuss aus Gaza sofort aufhört und dass durch ein Grenzkontrollregime Waffenlieferungen nach Gaza unterbunden werden“. Doch das sind nachgelagerte und bloß rhetorische Positionen. Denn die Aufhebung der Blockade hat ja „unmittelbar, bedingungslos und dauerhaft“ zu erfolgen – das heißt: ohne die Wahrung von Israels legitimen Sicherheitsinteressen (wobei der Hinweis auf legitime auch illegitime unterstellt), ohne die Anerkennung Israels durch seine erklärten Feinde, ohne das Ende des Raketenbeschusses aus Gaza und ohne die Unterbindung von Waffenlieferungen an die Hamas. Schließlich weiß man in Berlin selbstredend viel besser als in Jerusalem: „Die Blockade Gazas ist kontraproduktiv und dient den politischen und Sicherheitsinteressen Israels letztlich nicht.“

Es gibt keine Parteien mehr…

Die erste Forderung des deutschen Parlaments – die nach dem Tribunal – zielt auf die Dämonisierung Israels ab, die zweite – die nach dem sofortigen Ende der für Israel essenziellen Blockade von Gaza respektive Hamastan – läuft in der Konsequenz darauf hinaus, dass Israel sich den islamischen Mördern waffen- und tatenlos ausliefert. Judenmörder mögen in Würde leben, Juden hingegen nicht einmal leben – das ist es, was der Bundestagsbeschluss in letzter Konsequenz bedeutet. Keiner der Abgeordneten versteht sich als Antisemit, doch der Beschluss ist ein Dokument des Konsens und Gemeinsinn stiftenden neuen Antisemitismus – einstimmig beschlossen im Deutschen Bundestag. Wenn es um Israel geht, kennt man hierzulande keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche. Eine derartige Eintracht herrscht sonst nur bei Spielen der Fußball-Nationalmannschaft.

Entsprechend gestalteten sich denn auch die Redebeiträge der Abgeordneten aller Fraktionen während der Bundestagsdebatte über den Antrag. „Jetzt ist etwas Besonderes passiert, das ich hier gewürdigt wissen will“, sagte beispielsweise Wolfgang Gehrke von der Linkspartei. „Wir werden diesem Antrag zustimmen. Das heißt, dass zum ersten Mal in der Nahostfrage alle Fraktionen des Hauses einen gemeinsamen Antrag haben.“ Auch der Freidemokrat Rainer Stinner war begeistert: „Das, was wir hier erleben, ist tatsächlich eine neue Qualität gemeinsamer deutscher Außen- und Sicherheitspolitik.“ Rolf Mützenich (SPD) verkündete in altväterlichem Ton, was das Beste für den jüdischen Staat ist: „Wir müssen Israel deutlich machen, dass durch die Abriegelung des Gazastreifens genau das Gegenteil von dem erreicht wird, was Israel eigentlich erreichen will.“ Und der Unionspolitiker Philipp Mißfelder glaubte, der Kapitulationsaufruf an den jüdischen Staat sei gewissermaßen die logische, fast zwingende Konsequenz aus der deutschen Vergangenheit: „Gerade vor dem Hintergrund unserer historischen Verantwortung und unserer Geschichte, die in der heutigen Zeit nicht von Schuld, sondern von großer Verantwortung geprägt ist, geht es darum, gemeinsam die Ziele des Friedens zu erreichen. Ich finde, unser Antrag ist dabei sehr hilfreich.“ Das fanden ausnahmslos alle, weshalb das Bundestags-Protokoll nach der Abstimmung auch „Beifall im ganzen Hause“ notierte.

…sondern nur noch Deutsche

Was diesen antiisraelischen Zusammenschluss nicht erst seit gestern bewirkt und was ihn charakterisiert, hat der Publizist Eike Geisel schon vor rund fünfzehn Jahren analysiert, nachzulesen in seinem Buch Triumph des guten Willens: „Im Namen des Friedens gegen Israel zu sein, ist etwas Neues. Denn dieses Ressentiment hat alle praktischen und politischen Beweggründe abgestreift. [...] Dieser neue Antisemitismus erwächst weder aus niedrigen Instinkten noch ist er Ausfluss ehrbarer politischer Absichten. Er ist die Moralität von Debilen. Das antijüdische Ressentiment entspringt den reinsten menschlichen Bedürfnissen, es kommt aus der Friedenssehnsucht. Es ist daher absolut unschuldig, es ist so universell wie moralisch. Dieser moralische Antisemitismus beschließt die deutsche Wiedergutwerdung insofern, als sich durch ihn die Vollendung der Inhumanität ankündigt: die Banalität des Guten.“ Und deshalb ist es auch kein Zufall, dass sich diese Banalität sowohl in den „Fanmeilen“ bei den deutschen WM-Spielen hemmungslos unschuldig Bahn bricht als auch im Parlament: Schwarz-rot-geil allenthalben, Widerspruch oder gar Kritik so unerwünscht wie zwecklos. „War früher die so genannte Judenfrage das überparteiliche Band, das die Deutschen zusammenhielt, so ist es heute die Palästina-Frage, die ein Gefühl der nationalen Einheit erzeugt“, konstatierte Henryk M. Broder deshalb sehr zu Recht.

Die rhetorischen Aufwände hierzulande, sich als Israels engster Freund und Partner zu inszenieren, dienten nie – soviel steht spätestens jetzt unleugbar fest – der tatsächlichen Unterstützung des jüdischen Staates, sondern lediglich der Erledigung deutscher Pflicht und Schuldigkeit nach Auschwitz. Jetzt aber, da man sich selbst attestiert, die Vergangenheit hinreichend „aufgearbeitet“ zu haben, gibt es kein Halten mehr: Israel wird abgeworfen wie lästiger Ballast. Alle Mitglieder des Deutschen Bundestages, von links bis rechts und ohne jede Ausnahme, haben einem antisemitischen, weil antiisraelischen Beschluss ihre Stimme gegeben. Es gibt keinen einzigen Abgeordneten, der zum jüdischen Staat hält. Keinen einzigen. Es ist dies die Vollendung der Volksgemeinschaft gegen Israel, die parlamentarische Entsprechung dessen, was außerhalb des Plenarsaals ohnehin nahezu unhinterfragter Konsens ist. Die Volksvertreter, sie haben sich ihren Namen redlichst verdient.

* Auch in Deutschland gab es „starke Reaktionen“, etwa in Form von Steinewürfen und „Juden raus“-Rufen gegen eine jüdische Tanzgruppe am 19. Juni in Hannover durch muslimische Jugendliche, die sich zwar nicht der Form, aber doch dem Denken nach bestens integriert zeigten.

Befördert sie!

Die Fußballschiedsrichter haben in den letzten knapp zwanzig Jahren einen bemerkenswerten Imagewandel erfahren. Noch in den achtziger Jahren galten sie nicht wenigen als „schwarze Säue“, als ganz eigene, seltsame Spezies, als verschrobene Randfiguren der populärsten Sportart der Welt. Man hielt sie für Menschen von schrulligem Charakter und duldete sie widerwillig als notwendiges Übel – wovon hierzulande nicht zuletzt jenes rechteckige Schild zeugte, das mehr oder weniger gut sichtbar an jedem Sportplatz zu finden war (und teilweise immer noch ist) und mit den Worten „Sei fair zum 23. Mann – ohne Schiedsrichter geht es nicht“ Kicker wie Zuschauer zur Besonnenheit mahnte. Im Profifußball waren die Unparteiischen die letzten Amateure; sie gingen einem ordentlichen Beruf nach, opferten für Einsätze in der Bundesliga ihren Jahresurlaub und bekamen für einen Auftritt im Oberhaus einen Tagesspesensatz von exakt 72 (in Worten: zweiundsiebzig) Mark. In den unteren Spielklassen wiederum waren sie oft das, was Elke Wittich, die Sportchefin der Wochenzeitung Jungle World, einmal überaus treffend mit dem Begriff „Wochenendkommandierer“ umschrieben hat: autoritäre Charaktere, die es genossen, dass es auf dem Fußballfeld keine Gewaltenteilung gibt und sie wenigstens dort die unumschränkten Herrscher sein konnten – Polizisten, Staatsanwälte und, logisch, Richter in Personalunion.

Der allmähliche Wandel der Schiris, der bis in die Untiefen der Amateurligen reichte, ging mit der zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs einher. Ihre Trikots waren nun grün, rot, gelb oder blau; die einheitliche schwarze Uniform – zu der neben einem schlecht geschnittenen Oberteil eine unbequeme Hose gehörte, für die sich selbst modeabstinente Rentner geschämt hätten – gehörte der Vergangenheit an. Die Bundesliga wanderte von der Sportschau ins Privatfernsehen, und die Zahl der Kameras verzigfachte sich – wodurch nicht nur die so genannten side kicks, also tobende Trainer und verzweifelte Vereinspräsidenten, eine immer größere Rolle in der Berichterstattung spielten, sondern auch die Entscheidungen der Referees immer stärker in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückten: War das wirklich ein Foul? Ein Abseits? Ein Tor? Und was hat den Schiedsrichter eigentlich geritten, auf Foul, Abseits, Tor zu entscheiden, obwohl doch nun wirklich jeder nach sieben Zeitlupen und drei Standbildern erkennen konnte, dass es kein Foul, kein Abseits, kein Tor war? Mit der Zeit erfuhr man auch dies, denn der erzkonservative Deutsche Fußball-Bund (DFB) – der jahrzehntelang seine Pfeifenmännern abgeschottet hatte – änderte nach einigem Zögern seine Linie: Die Unparteiischen waren fortan keine unfehlbaren Halbgötter mehr, sondern traten in die Öffentlichkeit und legten Rechenschaft ab.

Und sie wurden jetzt besser vergütet. Längst nicht so fürstlich wie die Profis zwar, aber immerhin: 3.800 Euro gibt es heute für ein Bundesligaspiel, 2.000 Euro für einen Einsatz in der Zweiten Liga. Wer in den oberen Spielklassen pfeifen will, muss dem DFB jederzeit zur Verfügung stehen; längst schon amtieren deshalb im bezahlten deutschen Fußball keine Lehrer oder Elektrotechniker mehr als Referees, sondern vor allem Selbstständige und leitende Angestellte. Auch die Anforderungen an die körperliche Fitness, das äußere Erscheinungsbild und die Persönlichkeit der Spielleiter sind gestiegen (und das bis hinunter zur Bezirksliga): Vorbei ist die Zeit, da erkennbar übergewichtige Herren mit unvorteilhafter Frisur und schlechten Manieren in den Stadien den großen Zampano geben durften. Der Schiedsrichter von heute ist rank und schlank, trägt einen mondänen Kurzhaarschnitt und ist sowohl auf dem Rasenviereck als auch vor dem Mikrofon eloquent und telegen. Namen wie Pierluigi Collina oder Markus Merk kennen nicht mehr nur die Experten, und der europäische Fußballverband Uefa hat kürzlich mit dem sehenswerten Film Referees at work dafür gesorgt, dass ein interessiertes Publikum intime Einblicke in die Welt der Unparteiischen bekommt.

Umso unbegreiflicher ist es, dass der große Bruder der Uefa, der Weltfußballverband Fifa nämlich, die Schiedsrichter bei Weltmeisterschaften förmlich kaserniert. Zu ihren (Fehl-) Entscheidungen dürfen sie nichts sagen, weil die Offiziellen befürchten, die Referees könnten sich um Kopf und Kragen reden. Dabei heizt die Schweigepflicht die Debatte erst recht an, ohne dass die Unparteiischen sie beeinflussen könnten. Außerdem ist es nachgerade grotesk, dass die Fifa die von ihr ausgewählten Schiris zwar für fähig hält, die Spiele des bedeutendsten Fußballturniers der Welt zu leiten, ihnen aber offenbar nicht zutraut, abseits des Spielfeldes genauso professionell aufzutreten. Wie zutiefst bedauerlich das ist, macht nicht zuletzt jene Spielszene deutlich, die nicht nur in England für Entsetzen sorgte: Warum nur erkannte das Schiedsrichtergespann nicht, dass der Ball nach Frank Lampards Lattentreffer unzweifelhaft hinter der Torlinie aufkam? Hätte der Unparteiische oder sein Assistent öffentlich Auskunft erteilen dürfen, dann hätte man vermutlich etwas erfahren, das nicht jedem Zuschauer klar sein dürfte: Beim Torschuss stand der Assistent dort, wo er stehen musste, nämlich auf der Höhe des – den Torwart mitgerechnet – vorletzten englischen Verteidigers. Und von dieser Position aus – die er einzunehmen hatte, um eine mögliche Abseitsstellung sehen zu können – war es für ihn naturgemäß nicht zu erkennen, ob der Ball nun eindeutig (!) die Torlinie überschritten hatte oder nicht. Für den ebenfalls korrekt postierten und daher noch weiter entfernten Schiedsrichter gilt das erst recht.

Ein Fehler im System also? Wenn man so will: ja. Schließlich kann kein Mensch so schnell laufen, wie der Ball fliegt; es war dem Mann an der Linie deshalb schlichtweg unmöglich, rechtzeitig einen Ort zu erreichen, von dem aus er die Situation exakt hätte beurteilen können. „Auf Verdacht“ jedoch durfte er nicht entscheiden, darum galt für ihn die Maxime: Im Zweifelsfall war der Ball eben nicht drin. Hier nun setzen die Diskussionen ein: Braucht es Torrichter wie in der Europa League? Einen Chip im Ball? Den Videobeweis? Alle diese Vorschläge haben sicher etwas für sich; das Hauptargument, das dabei immer wieder genannt wird, lautet: In diesem Milliardengeschäft darf es nicht sein, dass Fehler der Schiedsrichter über den Verlauf oder gar das Ergebnis eines Spieles entscheiden. Doch die Gegenseite verfügt über nicht minder gewichtige Einwände: Ist der Fußball nicht gerade deshalb so beliebt, weil seine im Laufe der Jahre nur maßvoll modifizierten Regeln weltweit unterschiedslos gelten – in der Kreisklasse wie in der Bundesliga, im Nahen Osten und in Afrika wie in Europa und Südamerika – und durchweg ohne technische Hilfsmittel umgesetzt werden? Ist ein spielbeeinflussender oder -entscheidender Fehler des Referees tatsächlich schlimmer als ein zur Unzeit verschossener Elfmeter? Lassen Videobilder überhaupt immer eindeutige Rückschlüsse zu? Würde ihr Einsatz nicht schnell ins Uferlose gehen oder gar die Autorität der Schiedsrichter untergraben? Wären sie nicht der Tod von leidenschaftlichen Fußballmythen wie dem „Wembley-Tor“ oder der „Hand Gottes“? Und wem sonst sollte man mitteilen, dass man weiß, wo sein Auto steht, wenn nicht dem Blinden mit der Pfeife?

Einen augenscheinlich besonders einfallsreich gemeinten Vorschlag, wie Lampards Tor die verdiente Anerkennung hätte erfahren können, hat übrigens Peter Singer in der Welt unterbreitet. Der deutsche Torwart Manuel Neuer, so fand der „Moralphilosoph“, hätte dem Unparteiischen mitteilen sollen, dass der Ball die Torlinie überschritten hatte; indem er es nicht tat, habe er „betrogen“, wie vor ihm schon beispielsweise Thierry Henry und Diego Maradona. Einmal abgesehen von der generellen Fragwürdigkeit solcher Lamenti über die angebliche Verderbtheit des Fußballgeschäfts (die letztlich immer mit einem Gerechtigkeitsbegriff hantieren, der von Interessen abstrahiert und den Wunsch nach persönlichem Fortkommen deshalb unter den Verdacht stellt, ein Verrat am ominösen „Gemeinwohl“ zu sein): Hier schwingt sich einer zum Ankläger auf, der vermutlich nie selbst gegen den Ball getreten hat und dem gewisse fußballtypische Abläufe daher unbekannt sind. Ein im Flug befindlicher Torwart wird jedenfalls kaum in der Lage sein zu beurteilen, ob ein von der Latte herabtropfender und danach aufspringender Ball für Sekundenbruchteile die Torlinie passiert hat oder nicht – und das ist auch gar nicht sein Job. Einem Spieler, der vom Referee unbemerkt ein absichtliches Handspiel begeht, könnte man seine Regelübertretung ja noch empört vorhalten – aber von Kickern, die für einen Fehler des Unparteiischen rein gar nichts können, zu erwarten, dass sie Mutter Theresa in kurzen Hosen spielen, ist nicht nur moralinsauer, sondern weltfremd.

Die derzeit laufende Weltmeisterschaft wird gewiss nicht als diejenige mit den besten Schiedsrichterleistungen aller Zeiten in die Geschichte eingehen. Aber die Aufregung um die Larriondas, Rosettis und Undianos dürfte sich nach dem Turnier rasch wieder legen. Und weitaus wichtiger als die Einführung technischer Hilfsmittel – die dem Spektakel viel von seiner Leidenschaftlichkeit nähme und trotzdem nur in begrenztem Maße für eine Reduzierung menschlicher (!) Fehler sorgen könnte – wäre es ohnehin, die Referees erstens von ihrem völlig unzeitgemäßen Maulkorb zu befreien und sie zweitens zu Vollprofis zu befördern, sprich: sie dauerhaft so gut zu bezahlen, dass sie weder auf einen anderen Job noch auf dubiose Wetteinsätze angewiesen sind. Dann würden sie zwar immer noch Fehler machen, mitunter sogar spielentscheidende. Aber auch ein Messi trifft bisweilen vom Strand aus das Meer nicht und treibt seine Fans in den Wahnsinn. Das ist nun mal Fußball. Und das ist auch gut so.

Eine Gegenrede zu diesem Beitrag ist unter dem Titel „Entmachtet sie!“ auf dem Internetportal Sportswire erschienen; eine mit „Dialektik des Fortschritts“ überschriebene Replik von Lizas Welt auf diesen Widerspruch ist ebenfalls dort zu finden.



Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Eine kleine Polemik zu Dirk Niebels anmaßendem Auftritt in Israel.

Schon der heilige Jähzorn, mit dem Dirk Niebel auf das Einreiseverbot in den Gazastreifen reagierte, ist verräterisch: Die israelische Regierung, empörte sich der Entwicklungshilfeminister und Ex-FDP-Generalsekretär, habe einen „großen außenpolitischen Fehler“ begangen und mache es momentan selbst ihren „treuesten Freunden“ schwer, ihr Handeln zu verstehen. Ihre Ankündigung, die Gaza-Blockade zu lockern, sei „nicht ausreichend“; vielmehr müsse der jüdische Staat „jetzt liefern“, sich außerdem „darüber klar werden“, wie er „im internationalen Kontext in Zukunft auch mit seinen Freunden zusammenarbeiten will“ und darüber hinaus „für mehr Transparenz“ sowie „eine neue Partnerschaft“ sorgen. Die Blockade sei „kein Zeichen von Stärke, sondern eher ein Beleg unausgesprochener Angst“. Kurzum: „Es ist für Israel fünf Minuten vor zwölf“, weshalb es jetzt „jede Chance nutzen“ müsse, „um die Uhr noch anzuhalten“.

Verräterisch ist diese Diktion vor allem deshalb, weil sie eine narzisstische Kränkung offenbart, die – wie es mit narzisstischen Kränkungen zwangsläufig so ist – umgehend nach Vergeltung schreit: Was hat Niebel nicht alles für Israel getan! Hat in einem Kibbuz ein Jahr lang Fischzucht und Landwirtschaft betrieben, sich trotz knapp bemessener Freizeit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft als Vizepräsident zur Verfügung gestellt, gegen die Linkspartei und insbesondere Norman Paech gewettert, der Hizbollah den Kampf angesagt und sogar einen „Fight Terror, support Israel“-Aufkleber auf sein Köfferchen gepappt. Er hat das jedoch offenkundig nicht als selbstverständlich betrachtet, sondern anscheinend geglaubt, dafür stehe Israel auf ewig tief in seiner Schuld. Und jetzt: diese Undankbarkeit! Diese Frechheit, ihm, dem großen Freund des jüdischen Staates, die Besichtigung eines Klärwerks im Gazastreifen zu verweigern! Und das, obwohl sein Trip doch sogar die Palästinensische Autonomiebehörde „gestützt hätte“ (auch wenn die in Hamastan bekanntlich schon lange nichts mehr zu melden hat und überdies selbst eine äußerst zweifelhafte Veranstaltung ist)! Da wurde der Besuch im von Kassam-Raketen geplagten Sderot gleich mal wieder storniert.

Dabei ist der Grund, warum der deutsche Minister so wenig den Grenzübergang passieren durfte wie Gefahrgüter aller Art, so simpel wie nachvollziehbar (und dem Gast aus Germany selbstverständlich bekannt gewesen): „Wenn wir Niebel die Einreise nach Gaza erlaubt hätten, müssten wir sie auch jedem anderen europäischen Minister gestatten“, sagte ein Sprecher des israelischen Außenministeriums in Berlin. Und das „würde der Hamas-Regierung zusätzliche Legitimität verschaffen“. Die israelische Regierung folgt also zwei Leitsätzen, die man in Deutschland beständig repetiert und daher eigentlich verstehen müsste – die eine lautet: „Nie wieder!“, die andere: „Wehret den Anfängen!“ Doch womöglich war der FDP-Mann gerade deshalb auch in seinem Narzissmus als Deutscher verletzt – schließlich beansprucht man hierzulande das Copyright auf diese Parolen, als Ausdruck einer vorbildlich bewältigten Vergangenheit, die zahllose Landsleute Niebels Jahr für Jahr am 27. Januar oder am 9. November ostentative Tränen über die toten Juden vergießen lässt.

Für die (über)lebenden hingegen spielen die so geläuterten Deutschen den Bewährungshelfer, der seine Opfer davor bewahren will, rückfällig zu werden, wie Wolfgang Pohrt es einmal treffend formulierte. Die auf diese Art resozialisierten Juden spannt man fürs Erste als Kronzeugen der Anklage gegen Israel ein; dem störrischen Rest gibt man – unter Freunden, versteht sich – beizeiten zu verstehen, was die Stunde geschlagen hat: fünf vor zwölf nämlich (der Hamas gegenüber lässt man derweil die Uhr ein wenig langsamer ticken; dort ruft gerade der Muezzin zum Morgengebet). Schließlich weiß man gerade als Deutscher am allerbesten, was für die Juden gut ist und was nicht, und deshalb führen sich die Nachfahren der Täter regelmäßig auf, als wäre Israel ein deutsches Protektorat, das nicht selbst in der Lage ist, über sein Wohl und Wehe zu befinden.

Schon der unablässige Ruf nach „internationalen Untersuchungen“, wenn man den jüdischen Staat mal wieder eines Verbrechens verdächtigt, ist ein Eingriff in die Souveränität des Staates Israel und eine Anmaßung sondergleichen. Großbritannien hat gerade die Aufarbeitung seines „Bloody Sunday“ abgeschlossen, der Deutsche Bundestag unterhält einen Untersuchungsausschuss zur Bombardierung in Kundus – aber Israel soll seine Angelegenheiten gefälligst von vermeintlich übergeordneten Instanzen durchleuchten und regeln lassen. Auch die Forderung nach einer vollständigen Aufhebung der Gaza-Blockade, wie sie Niebels Parteifreund Guido Westerwelle erhoben hat – darin einig mit dem „Free Gaza“-Bündnis aus Islamisten und deren europäischen Claqueuren –, ist zutiefst vermessen. Und dies zumal vor dem Hintergrund, dass es die Unifil-Mission unter Beteiligung der Bundeswehr nicht vermocht hat, die Hizbollah an der Wiederaufstockung ihres Raketenarsenals zu hindern.

Aber vielleicht hat sich auch die vermeintlich israelfreundliche Bundesregierung längst mit dem Gedanken angefreundet, dass es bald zu einem Krieg kommt, den Israel verliert, und dann wäre sie, so glaubt sie zumindest, das Problem los. Vorher gehört noch den Israelis die Schuld gegeben, damit man sich nachher reinsten Gewissens als Freund des jüdischen Staates aufspielen kann, der ja gewarnt worden sei, dass es so nicht weitergehe. Bei solchen Freunden allerdings braucht es wirklich keine Feinde mehr.

Eigentlich, so könnte man meinen, sollte der Linkspartei angesichts ihrer obszönen Angriffe gegen Israel und ihrer jede Realität verleugnenden Verteidigung des „Free Gaza“-Unternehmens der Wind zumindest empfindlich kühl ins Gesicht blasen. Denn seit die israelische Armee vor gut zweieinhalb Wochen notgedrungen mit Gewalt verhindert hat, dass eine von Islamisten dominierte und von deren europäischen Claqueuren abgesicherte „Friedensflotte“ die maritime Blockade des Gazastreifens durchbricht, gelangen täglich neue Informationen über das wahre Ziel und den tatsächlichen Verlauf dieser „humanitären Mission“ ans Tageslicht. Selbst deutsche Medien kommen nicht umhin, einige Hintergründe der Geschehnisse auf der Mavi Marmara näher zu beleuchten, denn – so schrieb es die Betreiberin des Weblogs Die Flache Erde vermutlich nicht zu Unrecht – wenn Journalisten hierzulande „Linke noch weniger mögen als Juden, kommt ab und zu mal so etwas wie angemessene Berichterstattung heraus“.

Und dennoch taugt die Beteiligung von linken Bundestagsabgeordneten und NGO-Vertretern am gegen den jüdischen Staat gerichteten, militanten Propagandacoup nach wie vor nicht so richtig zum Skandal, wie auch selbst die offenkundigsten Ausreden und Verdrehungen der Paechs, Groths und Jochheims nach deren Rückkehr bislang ohne jede Konsequenz blieben. Schlimmer noch: Als der Deutsche Bundestag unlängst auf Verlangen der selbstredend vollkommen einsichtsfreien Linkspartei über eine „schnellstmögliche Aufklärung des Angriffs des israelischen Militärs auf einen internationalen Schiffskonvoi mit Hilfsgütern für Gaza“ diskutierte*, forderten Abgeordnete aller Parteien eine „internationale Untersuchung“ (die – wie man nicht erst seit dem Goldstone-Report weiß – zur obligatorischen tribunalartigen Verurteilung Israels mutieren würde). Zwar gab es während der Debatte hier und da ein paar zarte Worte der Kritik an den deutschen Parlamentariern, die zur Delegitimation Israels in See gestochen waren, doch insgesamt dominierte eine fraktionsübergreifende Verständnisinnigkeit die Unterredung deutlich.

Einig war man sich beispielsweise darüber, dass Israel die Blockade des Gazastreifens – die eingedenk der Tatsache, dass täglich mehr als 2.000 Tonnen Hilfsgüter auf dem Landweg dorthin geliefert werden, nur eingeschränkt als solche zu bezeichnen ist – aufzugeben hat, weil sie „für den Friedensprozess nicht hilfreich“ sei, wie etwa der CDU-Abgeordnete Andreas Schockenhoff glaubte. Auch andere machten aus ihrem Herzen keine Mördergrube: Rolf Mützenich, der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, hielt den „Einsatz des israelischen Militärs“ für „unverhältnismäßig“ und „nicht zu rechtfertigen“; der Freidemokrat Rainer Stinner war „erschreckt [sic!], mit welcher Geschwindigkeit es der gegenwärtigen israelischen Regierung gelingt, Freunde und Partner in aller Welt zu verlieren“; sein Parteikollege Werner Hoyer, Staatsminister im Auswärtigen Amt, rief aus: „Was wir [!] brauchen, ist eine fundamentale Änderung der israelischen Gazapolitik“, und Kerstin Müller von den Grünen bezeichnete die israelische Politik schlicht als „inhuman“ und „völkerrechtswidrig“.

Wenn es um Israel geht, gibt es nämlich keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche. Und deshalb hatte auch Annette Groth nichts zu befürchten, als sie im Plenarsaal vor die Mikrofone trat, um aufs Neue ihre Version der Vorfälle auf der Mavi Marmara zum Besten zu geben und sich unwidersprochen als „Zeugin“ – vulgo: als Opfer – „einer äußerst menschenunwürdigen Behandlung von Seiten der israelischen Soldaten“ zu inszenieren. Es gab noch nicht einmal einen Zwischenruf, als sie wahrheitswidrig behauptete: „Inzwischen haben auch die israelischen Streitkräfte eingeräumt, dass es sich bei den Aufnahmen eines Gesprächs, bei dem angeblich ein Aktivist die Militärs aufforderte, nach Auschwitz zurückzukehren, um eine Fälschung handelt.“ In Wirklichkeit hatte die IDF zunächst eine um die Sprechpausen gekürzte Fassung des Funkverkehrs veröffentlicht, die vollständige aber bereits kurz darauf ins Netz gestellt. Doch auf diesen Unterschied, der ein erheblicher ist, schien niemand im Hohen Hause Wert zu legen.

Gar noch dreister als Groth trieb es Christine Buchholz, Mitglied im geschäftsführenden Vorstand der Linkspartei und eine derjenigen, die demonstrativ sitzen geblieben waren, als der israelische Präsident Shimon Peres seine Rede vor dem deutschen Parlament zum diesjährigen Shoa-Gedenktag beendet hatte. Auf ihrer Website legte die 39-Jährige kürzlich ihre „Argumente für die Free-Gaza-Bewegung“ dar und reihte dabei Unwahrheit an Verharmlosung und Leugnung an Verdrehung: Die todessehnsüchtigen islamistischen Schläger auf dem Deck der Mavi Marmara sind ihr „unbewaffnete ZivilistInnen“, die mit „Kinderspielzeug“ zur „Selbstverteidigung“ gegen den israelischen „Akt der Piraterie“ angetreten seien; die Kritik an der islamistischen Kadergruppe IHH – deren Vorsitzender Bülent Yildirim den Angriff auf die israelischen Soldaten persönlich befehligte – stellt sie unter den Verdacht der „Islamfeindlichkeit“ und des „antimuslimischen Rassismus“; das Ziel der Hamas ist Buchholz zufolge nicht etwa die Vernichtung des jüdischen Staates, sondern die Beendigung der „Besatzung durch Israel“ (die es bekanntlich schon seit 2005 nicht mehr gibt); gewählt worden sei diese Truppe, weil sie „für die Fortführung des Kampfes nach Selbstbestimmung argumentiert“ habe (das heißt ausweislich ihrer Charta: für die „Befreiung ganz Palästinas“ von den Juden). Und so geht es weiter, Wort für Wort, Zeile für Zeile und Seite für Seite.

Dass diese Positionen in der Linkspartei keineswegs randständig sind, machte Sören Pünjer für die Zeitschrift Bahamas in einem Redebeitrag auf einer pro-israelischen Kundgebung am vergangenen Samstag in Berlin überzeugend deutlich, indem er sich Gregor Gysis Rede zum 60. Jahrestag der israelischen Staatsgründung vornahm. Jene programmatische Rede also, die, so resümierte Pünjer, keine Absage an den Antizionismus gewesen sei, sondern vielmehr eine neue Strategie vorgegeben habe, nach der künftig der Antizionismus aus Machtgründen „israelsolidarisch ummantelt daherkommen“ müsse, „um im Falle einer Regierungsbeteiligung die Kritik an Israel so weit forcieren zu können, wie es die Regierungsmacht nicht gefährden würde“. Wer sich die Ansprache des Vorsitzenden der Linksfraktion im Bundestag noch einmal genauer betrachtet, wird kaum zu einem anderen Ergebnis kommen: Gysis Bedauern darüber, dass in Bezug auf das Verhältnis zu Israel die „moralische Komponente, die aus der deutschen Geschichte erwächst“, so stark sei, „dass sich absehbar nichts ändern wird“, ist förmlich greifbar; seine Forderung, der jüdische Staat dürfe „nicht weiter versuchen, kulturell Europa im Nahen Osten zu sein“, beinhaltet nicht weniger als den Wunsch, Israel möge sich, wie Pünjer es treffend formulierte, „den autoritären und barbarisierenden Zuständen um es herum angleichen“ und „seine Verfasstheit als westlich orientierter demokratischer Staat um des lieben Friedens willen aufgeben“.

Kann also in der Linkspartei sein, wer es mit Israel hält? Natürlich nicht. Und deshalb unterbreitete die Hallenser Gruppe No Tears for Krauts den die Berliner Kundgebung unterstützenden Linksjugend-Genossen des Landesarbeitskreises Shalom aus Hamburg das Angebot, für jedes Parteibuch, das per sofort zurückgegeben wird, „eine Flasche Yarden-Wein aus dem hoffentlich für alle Ewigkeit israelischen Golan zu spendieren“. Denn das sei „weit mehr, als es das Heftchen wert ist“. Nach allem, was man weiß, ging übrigens niemand auf die Offerte ein. Bezeichnend.

* Das vollständige Protokoll der Sitzung findet sich hier; der die Anfrage betreffende, besser lesbare Auszug aus dem Protokoll findet sich hier.

Das Foto (© Dissi) entstand während der Kundgebung „Gegen das Bündnis der Kriegstreiber von Linkspartei und Hamas! Solidarität mit Israel!“ am 12. Juni 2010 in Berlin vor der Zentrale der Linkspartei, dem Karl-Liebknecht-Haus. Das Plakat ist an einen Titel von Peter Licht angelehnt und spielt auf die Geschlechtersegregation auf der Mavi Marmara an, der sich die beiden Bundestagsabgeordneten der Linkspartei widerspruchslos unterwarfen.

United we stand

Ohne Worte. Oder doch: ein Hinweis auf eine bemerkenswerte Kundgebung am kommenden Samstag in Berlin – für alle diejenigen, die das Treiben des antisemitischen Lynchmobs und seiner Spießgesellen nicht tatenlos hinnehmen wollen.

© Lisa Benson, The Washington Post Writers Group

Ist es Realitätsverleugnung? Oder schiere Ideologie? Vermutlich bedingt das eine das andere: Allenfalls „zweieinhalb Holzstangen“, so hat es Norman Paech bekanntlich verkündet, hätten die Männer auf dem Deck der Mavi Marmara am vergangenen Montag gegen die Angehörigen der israelischen Spezialeinheit möglicherweise zum Einsatz gebracht, und dies, versteht sich, auch nur zur Selbstverteidigung. Videos der israelischen Armee, aber auch die Aussagen eines an Bord befindlichen Muslimbruders sowie eines Reporters von Al-Jazeera machen allerdings deutlich, dass die Wirklichkeit dann doch etwas anders aussah. Hinzu kommen in der türkischen Zeitung Hürriyet veröffentlichte Fotos, auf denen schwer verletzte israelische Soldaten zu sehen sind, und eine Stellungnahme des Vorsitzenden der islamistischen, mit der Hamas paktierenden türkischen Organisation IHH, die das Schiff gechartert hatte: Mit Eisenstangen hätten sich die „Aktivisten“ verteidigt und mehrere Soldaten überwältigt, sagte Bülent Yildirim, gewiss nicht ohne Stolz.

Es waren teilweise veritable Djihadisten, mit denen die sehr deutschen „Friedensfreunde“ da in See gestochen sind – und das hätten sie wissen können und müssen, zumal die Informationen über die IHH bereits frühzeitig bekannt waren. Oder etwa nicht? Für Lizas Welt hat Stefan Frank* am 2. Juni – also zwei Tage nach dem Angriff auf die israelischen Soldaten – mit Wiltrud Rösch-Metzler gesprochen, der Vizepräsidentin der deutschen Sektion von Pax Christi, die „Free Gaza“ unterstützt hat.

Wissen Sie, was die IHH für eine Organisation ist?

Wiltrud Rösch-Metzler: Welche IHH meinen Sie?

Die türkische.

Die ist gegründet worden, um die internationale „Free Gaza“-Organisation zu unterstützen.

Es gibt sie aber schon seit 1992.

Nein, das ist die andere IHH, darum habe ich eben gefragt, welche Sie meinen. Die andere hat auch einen Ableger in Frankfurt und ist eine islamische Organisation, die aber nichts mit der Unterstützungsaktion für Gaza zu tun hat. Die heißt auch IHH, hat aber ein anderes Ziel.

Wir sprechen doch beide von der IHH, deren Vorsitzender Bülent Yildirim ist?

Ach, das weiß ich nicht. Ich weiß, dass die IHH, die einen Ableger in Deutschland hat, die andere IHH ist, die nichts mit Gaza zu tun hat. Da kenne ich den Vorsitzenden in Deutschland, der ist in Hamburg und heißt Yoldas.

Die IHH ist Mitglied in der „Union des Guten“, deren Vorsitzender Yusuf al-Qaradawi ist.

Das kann schon sein, diese islamische IHH. Die kenne ich nicht. Die hat einen Ableger in Deutschland. Aber das ist nicht die IHH, die mit „Free Gaza“ zusammenarbeitet. Die „Free Gaza“-IHH heißt… Ich gucke gerade mal, wie das geschrieben wird… (liest) „İnsan Hak ve Hürriyetleri Vakfi“ (lacht). Das kürzt sich eben auch IHH ab. Die haben auch eine Webseite, aber da ist alles auf Türkisch, ich kann das selber gar nicht lesen, ich muss mir das auch übersetzen lassen.

Es war die islamistische IHH, die den Konvoi organisiert hat. Es gibt nicht zwei türkische IHHs, sondern eine türkische und eine deutsche. Die türkische firmiert unter der Kurzform des Namens „İnsani Yardım Vakfı“ und unter der Langform „İnsan Hak ve Hürriyetleri ve İnsani Yardım Vakfı“. Das ist ein und dieselbe Organisation.

(Liest) İnsan Hak ve Hürriyetleri Vakfı. Diese Organisation unterstützt „Free Gaza“.

Genau. Es ist eine militante islamistische Organisation, die Verbindungen zum internationalen Terrorismus hat. Auf der Facebook-Seite der IHH findet man Propagandavideos der Hamas und unter den Facebook-„Fanfotos“ ein Hitlerbild mit Hakenkreuzfahne. Das ist die Organisation, die zur „Union des Guten“ gehört.

Die islamische IHH.

Sie war Ihr Partner bei der Gaza-Flottille.

Nein, es handelt sich um zwei verschiedene Organisationen.

Das tut es nicht. So steht es auch in allen Zeitungen.

In welcher Zeitung? Dann gucke ich auch noch mal nach.

Zum Beispiel: Welt online, Zeit online, Tagesanzeiger

Dann haben die das auch durcheinander geworfen.

Es ist ein und dieselbe Organisation. Als Logo hat sie doch den Globus mit der Taube, nicht wahr?

Ich weiß nicht, was die für ein Logo haben.

Hat sich denn Pax Christi vorher informiert, was das für eine Organisation ist?

Das sind ja nicht unsere Partner, sondern wir sind mit „Free Gaza“ zusammen.

Aber die IHH war doch dabei.

Die sind dazugestoßen.

Aha. In den Zeitungen kann man lesen, drei der vier getöteten Türken hätten als Märtyrer sterben wollen, das hätten sie schon vorher angekündigt. Wissen Sie das?

Das habe ich auch gelesen.

Was denken Sie darüber?

Ich kenne die Leute ja nicht. Ich recherchiere natürlich, was das soll, wie es zu dieser Meldung kommt.

Beeinflusst das Ihre Sicht der Geschehnisse vom 31. Mai, auf die Auseinandersetzung zwischen israelischen Soldaten und einigen militanten Besatzungsmitgliedern der Mavi Marmara?

Zunächst mal müssen wir das auswerten.

Halten Sie es für möglich, dass einige Mitglieder der IHH die Konfrontation gesucht haben, weil sie den Märtyrertod sterben wollten?

Was immer noch bleibt: Es gibt eben Tote nur auf dieser einen Seite.

Aber auch schwer verletzte israelische Soldaten.

Genau, es gibt Verletzte auf beiden Seiten. Es gab ja die drei Verletzten, von denen die deutschen Delegierten gesprochen haben. Das waren ja drei israelische Soldaten, die verletzt waren.

Ja, genau.

Ja.

Würden Sie sich dann von der IHH, die, wie Sie sagen, erst im Nachhinein dazugestoßen sei, distanzieren, sagen: „Mit militanten Islamisten wollen wir nichts zu tun haben“?

Wir gehören doch nicht zur IHH, wir sind eine katholische Friedensbewegung.

Würden Sie sich denn moralisch distanzieren und…

(Patzig) Ich habe das nicht geprüft, ich sagte es Ihnen doch. Ich kann ja sagen: „Hätte ich gewusst, dass es Tote gibt, hätte ich nie irgendwelche Schiffe losschicken lassen.“ Oder hätte es nie begrüßt. Ich wusste nicht, dass das israelische Militär so hart eingreift

Und Sie wussten auch nicht, dass es unter den Besatzungsmitgliedern der „Mavi Marmara“ militante Islamisten gab, die sich auf einen Märtyrertod vorbereitet und die Gewalt gesucht haben?

(Aggressiv) Das weiß ich doch nicht, ich muss das doch erst nachprüfen! Woher soll ich das wissen? Wissen Sie das vielleicht? Waren Sie auf dem Schiff? Sie können das doch auch nur recherchieren, indem Sie Leute fragen, die dort waren. Und so geht’s mir doch auch. Was soll die Frage? Wenn ich gewusst hätte, dass es Tote gibt, hätte ich das nie begrüßt.

Und Sie hätten es auch nicht begrüßt, wenn Sie vom Engagement der IHH gewusst hätten?

Das weiß ich doch nicht. Erstens: Was mir vorliegt an Informationen, das habe ich ja versucht, Ihnen zu erklären, dass es zwei verschiedene IHHs gibt.

Eben nicht, es ist ein und dieselbe.

Genau, Sie sagen, das stimmt nicht, jetzt muss ich das doch erst recherchieren.

Und was ist bei dieser Recherche herausgekommen? Eine zwei Tage nach dem Interview veröffentlichte, von Pax Christi mitgetragene Pressemitteilung gibt Aufschluss darüber: „Mit aller Entschiedenheit weisen wir die Vorwürfe zurück, die das friedliche Ansinnen der Freiheits-Flotte in Frage stellen und eine Verbindung zu ‚islamistischen Terroristen’ unterstellen. Diese Vorwürfe dienen allein dem Zweck, von dem israelischen Verbrechen beim Angriff auf die Schiffe und von der völkerrechtswidrigen Blockade von Gaza abzulenken.“ Um die eingangs gestellte Frage noch einmal aufzugreifen: Ist es Realitätsverleugnung? Oder schiere Ideologie? Das eine bedingt wohl tatsächlich das andere.

Update 7. Juni 2010: Auch das ARD-Magazin Report Mainz hat nun einen Beitrag veröffentlicht, der recht eindrucksvoll zeigt, mit wem die Linkspartei, die IPPNW, Pax Christi et al. gemeinsame Sache gemacht haben: Fragwürdige Friedensmission – Deutsche Linke in einem Boot mit türkischen Islamisten und Rechtsextremisten?

Das Foto zeigt den IHH-Vorsitzenden Bülent Yildirim (links) und den Hamas-Führer Ismail Haniya am 7. Januar 2010 beim Fundraising für „Free Gaza“.

* Stefan Frank ist freier Journalist und schreibt unter anderem für die Monatszeitschrift KONKRET. Auf seiner Homepage ist eine Auswahl seiner Texte und Interviews zu finden.

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